Zur Mitte finden

Seit einigen Monaten bin ich ja aus beruflichen Gründen dazu gezwungen, mich mit Mitte auseinander zu setzten. Und da verändert sich schon das Weltbild. Es fängt damit an, dass wenn ich so am Abend das den Tag über gesammelte Kleingeld begutachte, ich feststellen muss: Berlin ist in Europa. Besonders die Bäcker in Mitte scheinen in den Genuss einer hohe Zahl an Laufkundschaft aus dem europäischen Ausland zu kommen. Fast jedes mal, wenn ich mit ein Croissant hole, bekomme ich Cent- und Euromünzen mit lustigen Motiven auf der Rückseite wieder. Daran habe ich mich inzwischen gewöhnt.

Was mir aber immer noch zu denken gibt ist mein Weg zu Arbeit, der entlang der Friedrichstraße geht – oberirdisch auf dem Rad/Auto oder unterirdisch. Zur Zeit wieder verstärkt unterirdisch, weil oben ist´s mir zu kalt.

Es ist eine Frage der Zeit: Viertel vor 9 ist die Hölle los. Kurz nach 9 ist alles wieder leer. Viertel vor 10 ist die Hölle los. Kurz nach 10 geht´s wieder. Nur dann sind die Touristen unterwegs. Mit dem Fahrrad war das ja noch ganz witzig, konnte man schimpfend klingeln und die HerrenDamen sprangen aus dem Weg. Nur den Checkpoint Charlie verstopften sie mit ihren Bussen und Fotosessions, das man da auch mal bremsen muss. Da war´s dann immer besser vor 10 durch zu sein, denn danach ist die Ecke Austragungsort der Internationalen Autobus-in-einander-Verkeil Festspiele. Und dann – Schulklassen, wo man hinsieht.

Und die sind auch in der U-Bahn (nach 10). Immer lustig zu beobachten, wie die immer leicht genervteen LehrerInnen versuchen, Ordnung in die Sache zu bekommen. Anders bei Berliner Schulklassen, die haben es sich angeeignet, sich dem Flow anzupassen, da wirken die Pädagogen auch etwas gelassener. Wer verloren geht, hat selber Schuld, oder so. Jedenfalls ist man in der U-Bahn den Menschen ja etwas direkter ausgesetzt. Man hört babylonisches Sprachgewirr und deutsche Dialekte, denen man glaubte, entkommen zu sein. Auch Gedanken, die man nie hätte selber denken können, wie heute:

„Ich finde ja das Münchener U-Bahnnetz übersichtlicher als das in Berlin„, meinte einer zum anderen. Und mir schoss gleich durch den Kopf, „Kunststück! München ist an sich übersichtlicher als Berlin! Deswegen ist ja auch diese zarte Seele des Herrn Kübelböck schick nach 3 Monaten Berlin schnell, schnell nach München gezogen.“ Aber dann überlegte ich, ob da eine Meisterschaft ausgerufen wurde, die ich wieder mal nicht mitbekommen hatte. Zeig mir deinen Schienenweg und ich sag dir, was für ein Mensch du bist, oder so.

Also ich finde ja das Berliner U-Bahnnetz übersichtlicher als das Autobahnnetz im Ruhrgebiet. Ich finde schon, dass man das vergleichen kann, ist es doch in Berlin gerne mal ein Gesprächsthema, wie man wo am besten mit den Öffentlichen hin kommt, was Leute aus dem Ruhrgebiet ganz gerne mit ihren Autobahnen pflegen.

Wie dem auch sei. GENAU JETZT (13:07) spiegelt sich die Sonne in der gegenüberliegenden Fensterfassade so, dass sie mir auf den Schreibtisch scheint in meinen dunklen, kargen Arbeitsraum hinein.

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