Die Kinder sind tot

:::: gesehen am 27.1.04 / Pressevorführung im Filmkunst66

Ein Polizist an einer Tür, Fotografen, Kameras, eine drückende Anspannung, die Ruhe vor dem Sturm. Die Tür öffnet sich, auf der Tonebene bricht ein Donnern der Fotoapparate auf, Blitzlicht, eine Person, den Kopf in einem schwarzes Tuch versteckt, wird von Polizisten durch die Masse geschleust. Schnitt auf die Person in einem Gerichtssaal sitzend, langes Standbild, Schrift: „Im Sommer 1999 verdursten in Frankfurt/Oder zwei kleine Kinder. Ihre Mutter, Daniela J., damals 23 Jahre alt, hatte sie 14 Tage in ihrer Neubauwohnung allein zurückgelassen.“
Zwei Jahre später sucht Aelrun Goette nach den Hintergründen dieses Verbrechens.

„Die Kinder sind tot“ versucht in den Mikrokosmos der Plattenbausiedlung Neuberesinchen bei Franfurt/Oder vorzudringen. Bewohner werden beobachtet, befragt und langsam kommen Hintergründe ans Licht. Die arbeitslose Daniela, die selbst aus desolaten Familienverhältnissen stammt, bringt in sechs Jahren vier Kinder von vier verschiedenen Vätern zur Welt, das erste mit 17 Jahren. Zwei Jungen bleiben bei ihr, die anderen werden zur Adoption freigegeben oder in der Familie untergebracht. Sie lernt einen neuen Mann kennen, die große Liebe, glaubt sie. Sie geht zu ihm und läßt die Kinder allein. Die beiden Jungen sterben einen qualvollen Tod. Der Prozeß gegen Daniela J. wird von Tumulten begleitet. Medien und Neugierige drängen sich vor Gericht. Erregte Nachbarn brüllen in die Kameras: „die Todesstrafe ist noch zu gut für die“. Die Mutter der Angeklagten läßt kein gutes Haar an ihrer Tochter und belastet sie, wo sie kann. Freunde erklären, Daniela J. habe ihre Kinder verwahrlosen lassen. Das Jugendamt will nichts bemerkt haben. Daniela J. wird wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ein harter Film, der unter dei Haut geht. Mit chirugischer Präzesion werden die Hintergründe der Tat beschrieben, der Film gibt keine klaren Antworten, sondern wirft Fragen auf nach Verantwortung und Schuld, nicht nur bei der Täterin. Ist Daniela alleine Schuld? Hat sie die Kinder bewußt sterben lassen? Oder ist es eine unglückliche Verkettung der Umstände? Zunächst möchte man den Umständen die Schuld geben. Man möchte den Nachbarn die Schuld geben, weil sie wegschauten, dem Jugendamt, den Männern, die ihre Kinder im Stich liessen. Gegen Ende des Films verdichten sich die Interviews zu einer Zwiesprache zwischen Mutter und Tochter. Daniela scheint offen, erzählt glaubwürdig, aber trotzdem bleibt ein Rest an Mißtrauen an dem, was wirklich vorgefallen ist. Wirklich erklären kann der Film nicht, man ist als Zuschauer mit dem Unfassbaren fast genau so alleine gelassen, wie die Beteiligten.

DIE KINDER SIND TOT, Deutschland 2003
Buch/Regie: Aelrun Goette
Montage: Andreas Zitzmann
Kamera: Bernd Meiners
Verleih: Ventura Film, Starttermin: 11.3. 2004

|Kritik von Sandra Vogell | Kritik von zdf.de

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