Elephant

USA 2003 – Regie und Buch: Gus Van Sant – Kamera: Harris Savides- 81min – Kinostart: 8.4.04
:::: gesehen am 2.4.04 in Hackesche Höfe

Es fällt mir schwer, einen Anfang zu finden. Soll’s mit dem Regisseur losgehen? „Gus Van Sants neuester Film ist auch sein bisher freiester – ökonomisch und dramaturgisch.“ Oder mit der Auszeichnung bester Film in Cannes 2003? Oder mit der Anfangszene? „Die Kamera folgt einem Mercedes, der durch die Straßen einer amerikanischen Wohnsiedlung schlängert, parkende Autos rammt und beinahe einen Radfahrer umfährt…“ Ich hab gerade einge Kritiken gelesen und alle werden sie dem Film nicht ganz gerecht, manche mehr, andere überhaupt nicht. Ich glaube ich fang mit dem Einstieg des Promomaterials an: Ein Tag an einer ganz normalen US-Highschool: Es dreht sich alles um Unterricht, Freunde, Klatsch und Tratsch, Klassenarbeiten, Sport und Gewalt. Für jeden bedeutet die Schule etwas anderes, Stress, Langeweile, Geborgenheit, Inspiration, Pflicht oder Gewalt.

Der Film zeigt die Geschehnisse an einer High School kurz vor einem Massaker. Der Junge in dem Mercedes kommt zu spät zur Schule, weil er seinen betrunkenen Vater nicht fahren lassen wollte. Die Exposition wird bald gebrochen, Perspektivwechsel beginnen bei anderen Figuren, Wege kreuzen sich, das Selbe nocheinmal aus einem anderen Blickwinkel, aber eine genaue Chronologie der Geschehnisse ist nicht wichtig.

Der zuerst etablierte Junge weint über seinen Vater, ein Mädchen kommt, küsst ihn überraschend und geht dann zur Homo-Hetero-Begegnungsgruppe. Manche üben ihre Kreativität im Fotolabor aus. Eine Außenseiterin wird von der Sportlehrerin ermahnt, beim nächsten mal kurze Hosen zum Sportunterricht zu tragen, sonst bekäme sie eine schlechte Note – danach geht sie in der Bibliothek aushelfen. Eine plappernde Mädchenclique freut sich in der Cafetieria in einem Jahr endlich aufs College zu kommen, danach gehen sie gemeinsam auf die Toilette um sich das Essen zu erbrechen. Die Hässlichen wie die Schönen haben Probleme und erfüllen ihre Rollen in dem Spiel Schule. An einem Punkt begegnet der erste Junge zwei Jungen, die im Military-Look mit Taschen und Waffen auf die Schule zukommen. Der eine sagt sinngemäß, „verschwinde und komm nicht zurück, hier ist gleich die Hölle los.“ Doch bis das passiert, hat man es schon fast wieder vergessen. Und als es passiert, passiert es genau so beiläufig, wie alles davor. Einer sitzt zu Hause und übt am Klavier Beethoven. Sein Freund kommt und spielt einen Ego-Shooter am Computer, dann bestellen sie im Internet ein Gewehr.

Gus Van Sant kommt es nicht darauf, an eine Geschichte im konventionellen Sinn zu erzählen. Die Kamera – meist lange Steadycam-Fahrten – folgt den Schülern durch die Räume und Gänge der Schule, währen diese die alltägliche Routine durchmachen. Die Kamera hat sich von der Handlung entfesselt und bewegt sich durch das architektonische und soziale Labyrinth wie in einem Ego-Shooter Computerspiel, nur langsamer, schwebend und ohne Action. Einige Momente werden durch Zeitlupe pointiert. Meist sind es jene Stellen, die Schnittpunkte sind, an denen sich das Gezeigte noch einmal aus einer anderen Perspektive zeigt. Auch vermeidet Gus Vant Sant Schnittwechsel von Großaufnahmen zu Normaleinstellungen – ebenfalls ein Bruch mit Konventionen des bildlichen Erzählens.

So entsteht eine eigentümliche ästhetische Flachheit, ein Film, der keine Psychologisierung zulässt, keine Tiefe in den Figuren und keine klassische Dramaturgie mit der Exposition eine Situation, deren Störung, einer Klimax und einer Katharsis. An einigen Stellen übernimmt der Film konventionelle Erzählstrategien, um diese kurz darauf wieder als subjektive Schlenker fallen zu lassen. An anderen Stellen passieren auf der Toneben spannende emotionalisierende Momente durch klassische Musik oder Toncollagen.

Dann gegen Ende des Films doch der Beginn einer Art Erzählung des Tages der beiden Amokläufer. Sie frühstücken, schwänzen die Schule, schauen sich im Fernsehen eine Doku über Hitler an, während sie auf die Lieferung des Gewehrs warten, probieren das Gewehr in der Garage aus, duschen und stellen fest, dass sie noch nie geküsst haben. Sie küssen sich genau so unvermittelt, wie das Mädchen den Jungen am Anfang des Films küsst. Dann steigen sie mit ihren Waffen ins Auto und fahren zur Schule. Und bevor sie nach genau ausgetüfteltem Plan ihre Mitschüler in den Gängen abschießen, sagt der eine „Hauptsache wir werden Spaß haben.“ Dieser Teil gibt dem Film einen Bruch, der ein wenig in Richtung Michael Moore geht, dann aber doch wieder genau so beiläufig ist, wie alles andere an der Schule. Es kommt nicht zu einer Entladung der über den Film sehr geschickt durch unmengen von Clues aufgebauten Spannung. Die Gewalt ist „echt“, ohne Stilisierung, kurz und knapp. Es wird nicht erklärt, was die Motive des Massaker sind; es werden keine Lösungen gegeben. Und genau das macht den Film sehenswert. Immer wieder hofft man darauf, dass man sich an etwas festhalten kann: Gewalt im Computerspiel, Nazis im Fernsehen, lockere Waffengesetze, fehlgeschlagende Pädagogik, soziale Probleme. Der Film greift diese Themen kurz in gewohnter Dramaturgie auf, nur um sie darauf wieder zu verwerfen.

Während des Massakers tritt gegen Ende ein schwarzer Schüler auf. Er ist klassisch inszeniert als der typische Held in einem Actionfilm, der ruhig durch das Chaos schreitet. Er hilft einem Mädchen zu fliehen, um darauf sich selber auf die Spur der Täter zu machen. Und wieder fällt man darauf rein, dass man hofft – wie gewohnt – dieser Kinoheld wird’s schon richten. Er kommt um eine Ecke und wird abgeknallt. Ohne Zeitlupe.

Ich hab keine Ahnung was der Titel soll. Einer schreibt: „Betitelt ist der Film nach einer gleichnamigen BBC-TV-Produktion von 1989, in der – so erzählen Zeitzeugen – eine Unzahl von IRA-Morden nachgestellt und zusammenmontiert wurde (Regie: Alan Clarke, Produktion: Danny Boyle). Im Netz ist dazu leider nichts zu finden, auch nicht zu der Frage, warum der Film wohl so heisst… Ein anderer geht in diese Richtung: „Der Filmtitel verweist auf eine alte buddhistische Parabel, aber er legt auch die Lesart nahe, die Underdogs hätten die Schmähungen nicht vergessen können.“ Und ein Kommentar in der IMDB schlägt vor: „Personally, i thought that the title referred to gun laws and ownership in the US, with the elephant being the symbol of the pro-gun republicans. Also, in case anyone had noticed, during the piano scene one of the boy’s artworks on the wall is of an elephant. His bedcover, too, has an elephant on it. I thought that van sant was trying to suggest, as he portrayed the killings in an absurd and irrational manner, that the elephant was as good a motive for the killings as, say, the videos of the Third Reich that the boys watched or the bullying that they were subject to at school. This would fit in with van sant’s refusal to offer reasons or preventative measures for such killings.“.

Eine sehr profunde deutsche Kritik zum Film gibt es bei filmtext.com

Eine Meinung von einem der den Film überhaupt nicht verstanden hat, weil er zu sehr gewöhnt ist, in der Katharsis- und Psychologisierungs-Industrie Hollywoods zu denken gibt es hier so.

Ach ja, und was ich noch sagen wollte: Warum reiten eigentlich alle auf dem angeblich so schlechten Remake Gus Van Sants von „Psycho“ rum? Bin ich denn der Einzige, der mal beide Filme simultan auf zwei Fernsehern gesehen hat und die Genialität dieses Films bezüglich filmwissenschaftlicher Theorien zum Thema Remake erkannt hat? Ich weiss, dass ich es nicht bin…

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