Probelauf XI

Diese Kulturinstitutionen sind schon merkwürdig. Da gab es jetzt zum elften Mal an der Akadmie von die Künste den „Probelauf“, der einmal im Jahr stattfindet und sich als ein netter, langer Kurzfilmabend darstellt mit frischen Jahresproduktionen von Filmhochschulen. Und ich hab davon noch nie was gehört, obwohl ich hier seit über 11 Jahren lebe. Aber so ist sie halt die gute alte Kunst/Kultur-Elite gemischt mit Alt-Westberliner-Kultur-Lobbyismus. Da kann man das auch gern „Werkstatt junge akademie“ (klein geschrieben, wegen dem Trend-Faktor) nennen. Es hilft nicht drüber weg, dass man sich irgendwie dann doch in einer dieser Ost-Kulturinstitution wähnt und mal wieder merkt, dass Ost und West schon lange nicht mehr so viel trennt (der Unterschied liegt nur in den großen Gesten), sondern hier wie dort es einfach noch Überreste einer institutionalisierten Repräsentationskultur gibt, die museal verstaubt verpasst hat, rüber zu machen.

Aber es passte auch irgendwie, denn das behütete Schülerdasein, was ja Filmstudenten an sich noch gern pflegen und als Wunderkind-Lifestyle perfektionieren, bis sie dann am Ende vom Fernsehmarkt gefressen werden (wenn sie großes Glück haben), wurde wunderbar von der Instituion getragen: Es ging los mit dem Pfand für Bierflaschen, Gläser, dass normalerweise vom hauseigenen Café nicht genommen wird, aber da ja an dem Abend so viele Studenten zu erwarten waren, habe man sich auf ein Pfand von 1,- geeinigt (und das in Zeiten, wo Studenten schon lange keine Revolution mehr üben, sondern eigentlich nur noch froh sind, wenn sie einigermaßen geregelt studieren können und nicht ihr Studiengang unterm Arsch wegrationalisiert wird). Es ging weiter am Einlass, wo man dann mit dem Bierglas nicht in den Kinosaal gelassen wurde (wahrscheinlich aus ähnlichen Gründen). Und am Ende des Abends, flüsterte die Gastgeberin immer wieder dem DJ zu, er möge doch bitte die Musik etwas leiser machen. Wir jungen Menschen unter 40 waren wie immer brav.

Aber zu den Filmen. Einiges kannte ich schon, einiges weniges war richtig gut. Das Meiste halt aber eben dann einfach doch Hochschulfilme. Ich mach es mir mal einfach und nutze die von den Veranstaltern runtergekürzten Synopsen der Filmemacher:

JAM SESSION von Izabela Plucinska
Animation, 35 mm, Farbe, 9:30 Min.
Teresa und Viktor sind seit 30 Jahren verheiratet und haben sich schon lange nichts mehr zu sagen. Sie wohnen direkt über einem Jazzclub. Auch heute liegen Viktor und Teresa angewidert Rücken an Rücken im Bett. Die Atmosphäreist gereizt: Er raucht, sie zählt Schafe, um endlich einschlafen zu können, der Wasserhahn tropft … Plötzlich dringt ohrenbetäubende Musik von unten zu Teresa und Viktor. Die Band spielt immer lauter. Die Wände vibrieren, Möbel und Bilder wackeln. Auf einmal gibt es einen lauten Knall: Ein Karton mit alten Fotos und ein lange vergessenes rotes Abendkleid zeigen den beiden, dass es sich lohnt zu leben …
>>> hab ich nicht gesehen, nichst für ungut – toller Film (hat auf der Berlinale gewonnen), kannte ich schon, musste mein Bier im Foyer austrinken, bevor sie mich ins Kino gelassen haben.

SAMAGON von Eugen Schlegel
Dokumentarfilm, 35 mm, Farbe, 12 Min., Kameraabschlussübung
SAMAGON (dt.: Selbstgebrannter): Wodka für den Weltfrieden Die freundliche und weise Babuschka Vera lebt in einem abgelegenen 53-Seelen-Nest im Westen Weißrusslands. Wie fast alle Mütterchen im Dorf hat sie ihren Mann verloren und ist auf sich allein gestellt. Sie hält Gänse, backt Brot und brennt ihren eigenen Schnaps. Ihr ?Samagon? hat eine legendäre Wirkung: Schon während des Zweiten Weltkrieges beherrschte sie die Schnapsbrennerei. Als deutsche Soldaten in ihr Dorf kamen, um es zu zerstören, machte die kleine Vera einen Deal mit den Deutschen: ihren Samagon gegen die Unversehrtheit des Dorfes. Beim Zubereiten des Samagon erzählt Babuschka Vera heiter vom harten Leben auf dem Lande. Gerne erinnert sie sich daran, wie sie einst ihr Dorf rettete. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg kommen die Deutschen wieder zu ihrem Haus. Diesmal trinkt sie mit ihnen auf den Weltfrieden.
>>> schien lustig zu sein, hab ich verpasst, musste mein Bier im Foyer austrinken, bevor sie mich ins Kino gelassen haben.

NOUVEL ARSCH von Marcel Neudeck
Kurzspielfilm, BETA SP, Farbe, 4:20 Min., Stilübung
Hat der ?nouvelARSCH? nur einen schlechten Tag oder verdient der ewigjugendliche 35-jährige sein Schicksal? Eine Verfolgungsjagd in einem Akt.
>>> netter kleiner Film, der einmal mehr zeigte, wie ein konzeptioneller Gedanke in der Umsetzung nicht aufgeht. Der Herr Moderator war an verantwortlicher Postition an diesem Film involviert und tat mir ein bißchen leid, über den Abend dann noch bessere Filme an- und abmoderieren zu müssen.

LITTLE MISS PERFECT von Nica Junker
Kurzspielfilm, BETA SP, Farbe, 29 Min., Diplomfilm
Tragikomödie über Freundschaft und Tod. Sommer. Hitze. Aufgestaute Gefühle. Jenny ist schwanger. Katja kommt nach Hause und findet ihre Mutter tot auf: erhängt. Die zwei Frauen lernen sich auf dem Höhepunkt ihrer Lebenskatastrophe kennen und reißen aus.
>>> kannte ich schon. Idee ist, durch Improvisationstechniken einen Spielfilm zu erzählen ohne Drehbuch nur mit einer Plotidee. Als Variation dieses nicht mehr ganz neuen Übungsthema hat der Film aber tolle, mitreissende und emotionale Momente.

Nach diesen Filmen der HFF Potsdam kam ein Block mit Kurzfilmen des Film and Television Institute of
India /Poona
(von denen ich keine Homepage finde). Das waren Filme, die schon interessant waren, aber auch nicht wirklich so toll. Das interessante an der Ausbildung dieser Filmschule ist, die sich bewußt vom Bollywood-Stilen abwendet, dass in den ersten 2 Jahren großer Wert auf den künstlerisch-experimentellen Ausdruck der Filmstudenten gelegt wird und erst im 3. Jahr mit dem Diplomfilm ein Schwerpunkt auf durchwachsenes Narrations-Kino gelegt wird. Die ersten 3 Filme waren aus dem 2. Jahr, die anderen waren Diplomfilme. Trotz aller Höflichkeit, die man dann ja gewohnt ist, innerhalb so einer Kulturinstitution den Gästen aus den fernen Ländern entgegenzubringen – für meinen Geschmack war das ziemlich ermüdender Kunst-Willen, mehr Kopie und Handwerk, als Kino. Gut, die Narrationen der letzen drei Filme. Insgesamt hier und da Bilder, die sicher in dem einen oder anderem Traum widerkehren werden, was ja auch schon eine Leistung ist. Aber ach.

CHLOROPHYLL von Abhijit Mazumdar
Kurzspielfilm 2004, 16 mm auf 35 mm, Farbe, 10:30 Min. (OmeU)
Ein Tag im Leben einer sehr alten Frau der Mittelschicht, die gelähmt, fast blind und stumm jeden Tag vorüber gehen spürt und aus allen möglichen Dingen ihre Überlebenskraft bezieht.
>>> Die Sinne der Frau übersetz in eine schattige Bildwelt mit Toncollage

AVASTHA von Vikram Chavhan
Kurzspielfilm 2004, 16 mm auf 35 mm, Farbe, 7:20 Min. (OmeU)
Seit dem Tod seiner geliebten Frau Divya, die er gegen den Willen seiner Familie geheiratet hat, bewältigt Shiv seit fünf Jahren stoisch das Leben mit der Erziehung des gemeinsamen behinderten Kindes … bis zu einem Moment des Innehaltens.
>>> stilistische Ähnlichkeiten zum ersten Film auf Tonspur und in düsterern Bildwelten

CHHUK CHHUK von Vibhu Puri
Kurzspielfilm 2004, 16 mm auf 35 mm, Farbe, 10 Min. (OmeU)
Eine Mutter wartet auf ihren Sohn, der nur als eMail-Adresse existiert. Ein Mädchen wartet auf ihren Geliebten, den sie in jedem Mann wiederzusehen glaubt. Ein Vater schreibt eine neue Sprache für seine Tochter, kann aber nicht mit ihr sprechen …
>>> die Idee mit der E-mail ist gut, aber dann kommt so viel ineinander verklausulierte Indien-Historie, dass einem schwindelig wird.

DWIJAA von Pankaj Purandare
Kurzspielfilm 2004, 35 mm, Farbe, 20 Min. (OmeU)
1930: Die junge ?Kindswitwe? Mathura wird in ihr Elternhaus zurückgebracht, wo sie eine veränderte Realität vorfindet und verunsichert versucht, Mitsprache zu erlangen.
>>> keine Erinnerung, oder doch. Das war alles irgendwie so arg traditionell.

GIRNI von Umesh Kulkarni
Kurzspielfilm 2004, 35 mm, Farbe, 22 Min. (OmeU)
Samir lebt mit Mutter und Großvater in einem typischen Großstadt-?Chawl?. Eine fürchterlich laute Mahlmaschine dient dem Lebensunterhalt. Doch die Mühle beherrscht nicht nur den physischen Raum der Familie, sondern dringt auch in deren Psyche …
>>> guter Film mit kleinem Jungen mit traurigen Kulleraugen

VADHAKRAMAM von K. M. Kamal
Kurzspielfilm 2004, 35 mm, Farbe, 22 Min. (OmeU)
Da Ravi mit seiner Freundin zusammen leben möchte, versucht er seine blinde Schwester zu überreden, in ein ?Blindenheim? umzuziehen. Durch deren Weigerung fällt ihm ihre Zusammengehörigkeit auf – wie Sonne und Mond.
>>> dieser Tod auf den Schienen am Ende hat mich ziemlich erschüttert.

Dann kamen Sachen der dffb, wo ich schon neugierig war, so im direkten Vergleich mit der HFF, ob man da Unterschiede ausmachen kann (denn ich hab mich ja da mal ein bißschen verzettelt, dass man durchaus Unterschiede in den Stilen der Filme von deutschen Filmhochschulen machen kann) An diesem Abend haben die Filme der dffb gewonnen:

NAMUS von Döndü Kilic
Kurzspielfilm, Deutschland 2005, Beta SP, s/w, 14 Min., deutsch/türkische OF
Volkan ein türkischer Junge, fängt mit der unbeliebten und verspotteten Linda eine Affäre an. Linda verliebt sich in ihn und hofft, ihn mit einer Schwangerschaft zu binden. Volkan will die Geburt des Kindes verhindern, da er Linda nicht liebt, die Verantwortung nicht übernehmen will und Angst hat, seinen ?guten Ruf? und seine ?Ehre? zu verlieren. Er und seine Freunde sehen nur eine Möglichkeit: eine Abtreibung zu provozieren. Sie verprügeln das Mädchen und Volkan muss sich entscheiden, ob er jetzt immer noch zu seinen Freunden stehen kann …
>>> Problemthema in schwarzweiss mit authentischen Darstellern

WATTLÄUFER von Dennis Jacobsen
Kurzfilm, Deutschland 2004, 35 mm, Farbe, 20 Min.
Robert läßt sich von einem Kutterfahrer auf eine einsame Insel im Wattenmeer absetzen. Am nächsten Morgen ist sein Seesack verschwunden. Ist er doch nicht alleine auf der Insel?
>>> SuperFilm! Der beste des Abends für mich. Obwohl er auf dieser schlimmen Schiene zwischen Traum und Realität changiert gibt er diesem ausgelutschten Thema noch traumhafte Bildwelten, in denen ich mich ergehen lassen konnte.

MINUTES TO GO von Lawrence Tooley
Short Fiction, Germany 2005, 35 mm, Farbe, 11 Min., (OmdtU)
Irgendwo in Amerika wird die morgendliche Alltagsroutine des jungen Paars Stacy und Michael zuerst durch einen unerfreulichen Streit und dann von etwas viel viel größerem unterbrochen …
>>> der junge Herr Regisseur hat mich ein bißchen an den jungen Fassbinder erinnert. Der Film ist eher stilistisch bemerkenswert wegen seinem Set und dem Fakt, dass er in einer einzigen Einstellung gefilmt wurde

DER WALD SO KALT von Anne Pütz
Kurzfilm 2004, 16mm, Farbe, 15 Min.
Seit Jahren pflegt Bernd (46) seine alte, bettlägerige Mutter (85), die eher tot als lebendig scheint. Bernds Alltag ist höllisch monoton und einsam. Als er beim Einkaufen auf die Jazz-Dance-Lehrerin Sabina trifft, ändert sich sein Leben: Er besucht ihre Tanzstunde und merkt immer mehr, daß er sein bisheriges, stumpfes Leben so nicht mehr weiterführen kann. Aber alle Befreiungsversuche werden von seiner Mutter untergraben – zumindest nimmt Bernd es so wahr. Bernds Realität, seine Wunschträume und Ängste verweben sich immer mehr, bis Bernd wie ferngesteuert die Entscheidung trifft, sich seiner Mutter zu ?entledigen?: Er bringt sie in einen einsamen Wald und stellt sie dort ab.
>>> nicht ernst zunehmende Uneinigeit mit der Liebsten über die Moral von der Geschichte nach dem Film.

Alles in allem nach dem Abend die Sehnsucht nach großem Kino, denn es waren halt doch einfach Studentenfilme.

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