[Berlinale 2007] Film: A Walk into the Sea: Danny Williams and the Warhol Factory

:: gesehen am 11.2.2007 im CineStar8

USA, 2007, 75 min – Regie: Esther B. Robinson

Eigentlich ist es ein Dokumentarfilm über Danny Williams, der eine zeitlang im Kreise von Andy Warhols Factory gelebt und gearbeitet hat, wohl auch ein Verhältnis zu Warhol hatte, dann aber von der Gruppe abgestoßen wurde und verschwunden ist, bzw. sich umgebracht hat. Indem sich die Nichte des Verschwunden in ihrem Film hauptsächlich mit den Gedächtnisspuren an ihren Onkel in Interviews und gefundenem Archivbildern und Filmmaterial ihres Onkels beschäftigt, streift sie aber auch das Leben in der Factory. Indem die Filmemacherin einen Randbereich ausleuchtet kommt viel mehr über das Zentrum ans Licht, als wenn sie gleich das Zentrum ausleuchten würde. Sehr schöner, dokumentarischer Effekt. In den Erinnerungen über Danny Williams wird weniger über die Person, als über die Interviewten selber und die Zusammenhänge und psychologischen Abhängigkeiten innerhalb der Fatcory deutlich.

Die mit der Filmemacherin befreundete Kuratorin des Forums – Stefanie Schulte Strathaus – schreibt im Berlinale Katalog dazu folgendes:
Nadia besucht ihre Enkelin am Arbeitsplatz – der Warhol Foundation – und erzählt, dass ihr unter mysteriösen Umständen verschwundener Sohn Andys Lover gewesen sei und bei ihm gelebt habe. Von dem Moment an werden zwei Familiengeschichten zur Projektionsfläche: die einer bürgerlichen amerikanischen Familie und die wohl legendärste der Kunst: Warhols Factory.
Mit Unterstützung von Callie Angell, Kuratorin des Andy Warhol Film Projects am Whitney Museum, gelingt es Esther B. Robinson, der Nichte des verschwundenen Danny Williams, eine Kiste 16mm-Filmmaterial im MoMA aufzuspüren, die mit seinem Namen beschriftet ist. Es öffnet sich eine Schatztruhe: Bilder aus der Factory, von Velvet Underground, bekannte Gesichter, in einer nie gesehenen Verschmelzung von Intimität und Glanz. Detektivisch macht sich Robinson auf Spurensuche. In Gesprächen mit Zeitgenossen und Familienmitgliedern, beim Betrachten der Filme, in der Recherche, wird vor allem eins deutlich: Familiengeschichtsschreibung ist ein amorphes Konglomerat von Erinnerungen, vorhandenen Bildern und der Distanz, die die Zeit geschaffen hat – nicht anders als Filmgeschichtsschreibung. Doch trotz der Unmöglichkeit, die eine Wahrheit zu erfassen, schält der Film eine ebenso einzigartige wie rätselhafte Künstlerbiografie heraus.

Filmisch versucht die Filmemacherin einen Dialog mit ihrem Onkel durch seine und ihre Filmmaterialien aufzunehmen. Das behauptete sie jedenfalls im anschließenden Filmgespräch. Das mag sie gerne gewollt haben – die gefunden Filmbilder ihres Onkels sind bei weitem vielschichtiger und ausdrucksstärker als ihre eigenen Interviewaufnahmen – der Schnitt fügt zwar alles okay ins Ganze, könnte aber viel radikaler mit Bildmaterial und Ästhetik umgehen.

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