[Berlinale 2007] Film: Seven Easy Pieces by Marina Abramovic

:: gesehen am 17.2.2007 im CineStar8

USA, 2007, 95 min – Regie: Babette Mangolte

Der Film zeigt Marina Abramović beim Nachstellen von Performancearbeiten aus den sechziger und siebziger Jahren
von Bruce Nauman, Vito Acconci, Valie Export, Gina Pane, Joseph Beuys und ihr selbst. Sie interpretiert diese Arbeiten wie Musikpartituren. Der Film ist eine Reflexion über Performance- und Körperkunst und zeichnet die körperliche Fragilität, Vielseitigkeit, Zähigkeit und uneingeschränkte Belastbarkeit nach, die in den Arbeiten von Marina Abramović zu sehen ist. Aus filmischer Sicht, was Inszenierung und Kamerarbeit etc. angeht, nicht besonders erwähnenswert, dadurch aber gut, weil die Performances umso stärker im Vordergrund stehen und die Beobachtung der Performances nicht durch filmische Überinszenierungen abgelenkt werden.

Der Film SEVEN EASY PIECES BY MARINA ABRAMOVIC beschäftigt sich mit dem Körper in der Performance und damit, wie tief er die Zuschauer berührt, die an der transzendentalen Erfahrung teilhaben, die den Haupteffekt dieser Darbietung ausmacht. Feierlichkeit und Nachdenklichkeit sind die typischen Reaktionen auf die einwöchige
Performanceserie, die 2005 im Guggenheim Museum in New York stattgefunden hat. Die sieben Performances, die sich vom Kunstereignis zu einem sozialen Ereignis entwickelten, wurden zum Stadtgespräch, weil sie bei den Besuchern ein Gefühl der Läuterung erzeugten, ähnlich wie Gebete. Der Film versucht, die Mechanismen dieses transzendentalen Erlebnisses zu enthüllen, indem er nur den Körper der Performerin zeigt, der die Ereignisse lebt, die in jedes Stück eingeschrieben sind, mit Details, die die Zerbrechlichkeit, Vielseitigkeit, Zähigkeit und unendliche Belastbarkeit dieses Körpers nachzeichnen. Faszination ist eine Reaktion auf die Erkenntnis, wie sehr sich der exponierte Körper von Marina Abramović verwandelt – als Folge der strikten Disziplin, jeden Tag für sieben Stunden ausgestellt zu sein, ohne Beschränkung oder Grenzen. Der unbarmherzige Lauf der Zeit wird jeden Tag durch die Akustik des Gebäudes aufgezeigt, durch die Wellen von Besuchermassen, die wie ein Meer anrollen und die Unerschütterlichkeit der Performerin in respektvoller Stille bestaunen. Dass von der Performerin von Stück zu Stück jeweils so unterschiedliche Formen der Disziplinierung abverlangt wurden, ist eines der Geheimnisse dieser Performance. Außerdem ist zu sehen, wie das aufmerksame Publikum an der Kunst teilhat und zur Ästhetik von Marina beiträgt. Es ist, als hätte ein klösterlicher Impuls die mystischen unter uns Zuschauern angezogen. Der Film, der sich auf die minutenweisen Veränderungen und Belastungen von Marina während der sieben Stunden, die jedes
Stück dauert, konzentriert, erforscht systematisch einen Körper ohne Grenzen und vermittelt einen Eindruck davon, wie viel Anteilnahme Körperkunst hervorruft.
Der Film folgt dem Verlauf der einwöchigen Veranstaltung, von ‘Body Pressure‘, Publikumsbeteiligung und Konfrontation in den ersten drei Stücken bis hin zum Zeremoniellen, das in den letzten vier Stücken von Marina Abramović angelegt wurde. Erst im Nachhinein wird der Filmzuschauer begreifen können, wie sehr das Konzept des
Projekts uns eine Ästhetik nahebringt, die physische Erfahrung über Vernunft stellt, das Prozesshafte über die Ikonografie und die Kraft der Anteilnahme durch das Publikum über eine passive Zuschauerschaft.
(Babette Mangolte, Februar 2006)

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