Film: The Tracey Fragments

:::: gesehen am 23.11.2007 auf Exground Filmfest

Kanada, 2007, 80 min, Regie: Bruce McDonald, Darsteller: Ellen Page, Max McCabe-Lokos, Ari Cohen, Slim Twig, Julian Richings

Es soll sich im Frühjahr zur Berlinale 2007 ertragen haben, dass eine gewisse Unruhe in diesem Film geherrscht hat und Leute scharenweise aus dem Kino gelaufen sind. Nicht wirklich nachvollziehbar, denn „The Tracey Fragments“ nutzt die große Leinwand um im Multiscreen-Verfahren eine Filmhandlung zu fragmentieren, Perspektiven zu verschieben, Blickrichtungen des Zuschauers zu verwässern aber dadurch gleichzeitig diese zu öffnen für das wesentliche: Blicke, Innenwelten, Gefühle. Beim allgemeinen, gestressten Switching-Verhalten des Branchenpublikums auf der Berlinale kann man verstehen, dass dem überreizten Freunde der Filmkunst das zu viel werden kann. In Wiesbaden war man am Freitag dankbarer dem Film gegenüber, denn auf dem Exground Filmfest ist kaum einer raus gegangen.

Zu Beginn sitzt die 15-jährige Tracey (fantastisch gespielt von Ellen Page) nur mit einem Duschvorhang bekleidet auf der Rückbank eines Busses und ist auf der Suche nach ihrem kleinen Bruder Sonny, der sich für einen Hund hält. Danach beginnt eine mitreißende Achterbahnfahrt durch die Fragmente der Geschichte dieser jugendlichen Heldin: Stress mit den Eltern, Erniedrigungen von Mitschülern, sinnlose Psychiaterbesuche, unerwiderte Verliebtheit und Flucht in eine Traumwelt. Traceys Versuch, ihren Bruder zu finden, wird jedoch zum realen Alptraum. Mit Splitscreen-Technik und einer nicht chronologischen Erzählstruktur gelingt es McDonald in seinem hervorragenden und mutigen Film, die Gefühlswelt des Mädchens zu spiegeln. (aus dem Exground Festivalkatalog)

Es hat wahrscheinlich etwas mit Filmwahrnehmungs-Erfahrungen zu tun. Für mich stimmt das Timing, die Fragmente fügen sich zu einem herrlichen Bildteppich zusammen. Dann wenn eine Szene fokussiert wird, verschwinden die Einzelframes und auf der gesamten Leinwand ist – klassisch wie gewohnt – ein Bildausschnitt zu sehen. Die Hauptszene, auf die sich dann konzentriert wird. Spannend sind aber eben die beiläufigen Randmomente. Etwa die normalerweise in Schuss-Gegenschuss montierten Blicke zweier Personen finden sich gleichberechtigt nebeneinander und drüber und drunter findet auch noch jeweils ein Frame Platz, der die jeweilige Subjektive der Blicke zeigt. Manchmal – in den schönsten Momenten – fragmentiert sich so eine Filmszene ins Kubistische.

Ansonsten, der Inhalt auch nicht von schlechten Eltern. Der 15-Jährigen da im Film wird ein bisschen viel zugemutet. Erstaunlich, dass sie sich nicht umbringt am Ende. Aber man darf den Film selber neu zusammen schneiden. Das gesamte Video-Footage steht unter Creative Commons und darf für Re-Fragmentierungen verwendet werden. Ich glaub, es steht da gerade sogar ein Wettbewerb aus. Mehr unter www.thetraceyfragments.com oder gleich direkt bei bittorrent.com wo die freundlichen Dateien zur Verfügung stehen.

Hier noch Hintergrundinfos zum Re-Edit Projekt der Tracey Fragmente. Ich bin gespannt, was dabei rauskommen mag:

The Tracey Fragments wurde im September 2007 auf Basis der Creative Commons Attribution im Internet zum Download freigegeben. Insgesamt stehen rund 16 Gigabyte an Filmmaterial zur Verfügung, welches Interessierte und kreative Köpfe über das BitTorrent Netzwerk herunterladen können. Es gibt insgesamt 4 ZIP Archive – eines für jede Drehwoche – welche Hunderte von Quicktime Clips (.mov) beinhalten, die wiederum später größtenteils in Form von einzelnen Fragmenten im finalen Schnitt verwendet worden sind.

Anhand vom Rohmaterial kann man den Film von einer ganz anderen Seite und Perspektive kennen lernen und erlebt die Darsteller gleichzeitig hautnah bei den Dreharbeiten. Auch wenn die Datenmenge riesig ist, ist sie einen Blick wert. Bemerkenswert ist außerdem, dass das Team Tracey diesen Schritt getan hat, bevor der Film im Oktober beziehungsweise November 2007 überhaupt in Kanada und in den USA im Kino angelaufen ist. Dies ist wirklich einzigartig und Fans von Ellen und dem Film sollten diese Chance nutzen, wer weiß wann es wieder ein solches Projekt in der Independent Szene gibt. (Quelle: Ellen Page Fanseite)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: