Film: I Am Legend

:::: gesehen gestern Nacht auf Video

USA 2007;Regie: Francis Lawrence; Mit: Will Smith, Alice Braga, Dash Mihok, Charlie Tahan, Salli Richardson

Nach einem herrlich-regnerischem Gammel-Wochenende in der Nacht noch vor diesem Film gesessen und gegruselt vor jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft: Ein Heilmittel gegen Krebs entpuppt sich als Büchse der Pandora und Will Smith hat als einziger in Manhatten überlebt und muss die Geister, die er rief wieder verjagen.

Auch wenn sich das als Action-Film oder Grusel-Schocker angekündigt hat, es steckt zum Glück sehr viel mehr drin. Doch – ja – ich wurde stark emotionalisiert durch Actionsequenzen, und – ja – ich hab nicht sofort ruhig einschlafen können. Trotzdem ist I AM LEGEND mehr als Spektakel-Kino, wie der Kollege bei critic.de richtig erkennt:
Es ist bestimmt unpassend für einen Blockbuster, aber trotzdem: In den ersten Minuten – die kraftvolle Jagd mit dem Auto natürlich ausgenommen – erinnert I am Legend an Ozu Yasujiro und dessen langsames Herantasten an eine Geschichte. Die Kamera bewegt sich kaum, eine Abfolge statischer Ansichten etabliert den Ort des Geschehens, und schließlich sieht man Neville bei der Verrichtung seines Alltags: nach Nahrung suchen, essen, DVDs ansehen, den Hund baden. Auch hier gibt es nur wenige Schnitte, und in simpler Aneinanderreihung wird eine meditative Qualität erreicht. Das muss man sich als Action-Spektakel-Regisseur erst einmal trauen. In diesen Sequenzen sieht man eine Studie über Einsamkeit. (critic.de zum Film)
Das mag zwar für die Analyse irgendeines Blockbuster unpassend sein, genau für diesen Film ist es aber die richtige Beobachtung auf der Spur des Besonderen von I AM LEGEND. Überall lauern leise Zwischentöne: In der Kameraführung, die melancholisch gebrochene Symbol-Bilder der Gegenwart inszeniert; im sehr guten Schauspiel von Will Smith, der den gebrochenen, amerikanischen Helden sehr viel subtiler gibt, als die gebrochenen Figuren Charlton Heston’s Anfang der 1970er. Dort wo Heston im Angesicht des Scheiterns zynisch wurde, wo Rambo seine gebrochene Psyche in der Materialschlacht zu reinigen sucht, ist der Protagonist in I AM LEGEND scheinbar nur darum bemüht, das normale Leben aufrecht zu erhalten, nachdem ein Killervirus alles platt gemacht hat und Mutanten ihn als den einzigen überlebenden Menschen auf dem Speiseplan haben. Fast gelingt es ihm auch, das alte Leben zu leben. Erst nach und nach schimmert aus der Figur ein Wahnsinn hervor, der natürlich in der gegebenen, irren Situation nicht verwunderlich ist, den man aber von amerikanischen Helden nicht gerade gewohnt ist. Das ist eine sehr gelungene Gradwanderung zwischen glanzvollem Helden und gebrochenen Helden in einer Figur.

In „Die Zeit“ kommt Jerome Charyn leider nur im Ansatz zu einer tiefergehenden Analyse des Films. Er sieht darin immer noch ein Nachbeben der Katastrophe des 11.Septembers:
Ein verlassenes Manhattan mit wilden Rehen scheint uns fast schon eine vertraute Landschaft. Wir Amerikaner können die Aura jener leeren Grube in Lower Manhattan offenbar nicht abschütteln. Ground Zero verfolgt nach wie vor die Sprache und Grammatik unserer Träume. Und Francis Lawrences Film ist vielleicht das bisher klügste und aufschlussreichste Beispiel dafür.

Die Kraft des amerikanischen Kinos hat schon immer darin bestanden, dass es sein Publikum mit ausgefeilten Manipulationen und Tricks verblüfft, uns zu Kindern vor der großen Leinwand gemacht und uns durch die Minenfelder von Komödie und Albtraum geführt hat. Doch dieses Minenfeld ist niemals fester Boden; es verändert sich mit unserer psychischen Temperatur. Das Nachbeben des 11. September hat eine neue Blüte des Film Noir getrieben, und an die Stelle der Femme fatale ist der Teufel getreten. Die Mutanten in I Am Legend sind nur Teilzeitteufel, doch sie hüpfen durch die Landschaft wie bleiche, hektische Tiere, als wären sie massenhaft jenem besonderen Ground Zero der amerikanischen Psyche entsprungen. (zeit.de zum Film)
Nun, mich hat das ja alles auch an 28 Weeks Later erinnert. Das hat zwar den 11. September als Auslöser, behandelt aber eher alles so Sicherheits-Phantasmen und Alienation-Ängste. Die modernen Vampire, nicht mehr Außerirdische, sondern Viren und mutierte Amerikaner, die das Ur-Amerikanische zerstören und im Kern geht es immer um das Blut Christi. Und da wär’s mal spannend in diese Richtung weitergehend was zu lesen.

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