[Berlinale 2008] Film: RR (Rail Road)

:::: gesehen am 11.2.2008 im Delphi

USA 2007, Regie: James Benning, 112 min.

Zur Berlinale-Halbzeit dann auch mal der Babyhöhle entfleucht und zur cineastischen Einstimmung was rausgesucht mit langen Einstellungen, wenig Handlung aber dafür mit um so höherer Aufmerksamkeitsfalle. RRbesteht aus 37 festen Einstellungen, gedreht an 37 Orten in den USA, die von durchfahrenden Güterzügen durchkreuzt werden. Mehr nicht. Trainspotting in seiner Reinform. Die beiden Herren neben mir wollten der Sache nicht einmal eine Chance geben und sind nach der 3. Einstellung wieder gegangen. Ich hingegen schätze ja solche Filme, wo man nicht an die narrative Hand genommen wird, sondern beobachten muss und mit Ruhe und Vertrauen in sich hineinhorchen sollte, was der Film mit einem macht. Und seit Jahren versuche ich dieses Schärfen der cinematographischen Sinne als mein Berlinale-Einstiegsritual zu pflegen, etwa wie mit dem Film Pine Flat von Sharon Lockhart.

Schöner Film. Bin nicht eingeschlafen. Sehr präzise Montage von Bewegungsrichtungen der Züge, Farben, Lautstärke, Dauer und Landschaften. Doch was macht so ein im besten Sinne langweiliger Film mit einem? Stefanie Schulte Strathaus schreibt dazu:

„This land is your land, this land is my land“: In seinem neuen Film überlässt der Mathematiker und Eisenbahnliebhaber James Benning einen großen Teil der Autorenschaft seinem Gegenstand. Legte er in früheren Filmen die Dauer der Einstellungen, mit denen er amerikanische Stadt-und Landschaften filmte, genau fest, so werden sie diesmal durch Länge und Geschwindigkeit durchfahrender Züge begrenzt. Eine Einstellung ist so lang, wie ein Zug braucht, um an einem Bildrand zu erscheinen und am anderen wieder zu verschwinden. Form und Inhalt, definiert nach ein und demselben Maßstab. Die Leinwandgröße und die Weite der amerikanischen Landschaft werden deckungsgleich in Höhe, Breite und Tiefe durchmessen. Neben der faszinierenden Vorstellung, wie viel Gewicht eine einzige Lokomotive mit unzähligen Waggons von einem Punkt des Kontinents zum anderen bewegen kann, öffnet die Tonspur weitere Wahrnehmungs- und Assoziationsräume. Fragmentarisch hören wir zwischen den Eisenbahngeräuschen einen Mormonenchor, die Übertragung eines Baseballspiels von 1992, einen Werbejingle, Gregory Peck, der aus der Offenbarung des Johannes liest, die Interpretation des Songs „This land is your land“, die Abschiedsrede von Eisenhower und den N.W.A.Rap „Fuck the Police“.
Man muss als kleiner Junge nicht den Traum des Lokomotivführerdaseins geträumt haben, um dieser Faszination von tonnenschweren Güterzügen zu erliegen. In der formalen Reduktion liegt die Kraft des Films. James Benning hat sich an Bahnstrecken auf die Lauer gelegt und zeigt uns seinen Fang. Dabei entstand ein vielschichtiger Blick auf die historische Metapher der Eisenbahn als wichtigstes Transportmittel zur Erschließung des Westens. Heute werden Massen an Konsumgütern über den Kontinent verfrachtet. Einer Politik der Gegenstände folgend sind die Zug-Kolosse überdimensionierte Stahlschlangen, die sich ohne Hindernisse ihren Weg durch Landschaften, Ortschaften und über Flüsse bahnen. An einer Stelle des Films musste ich an den Güterzug von Zurück in die Zukunft III denken, der am Ende des Films die Zeitmaschine zerstört. Überhaupt, die Medienmetapher natürlich – Film und Eisenbahn haben mehr gemein als Film und Automobil. Die einzelnen Wagons eines Zuges sind aneinander gekoppelt, wie die Einzelbilder eines Films. Oder in einer frühen Filmvorstellung von „Die Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof“ sollen die Zuschauer ja panisch vor Angst den Saal verlassen haben. Heute verlassen sie den Saal vor Langeweile. Und irgendwie ist so ein Zug auch wie Spargel. Die Zugmaschine an der Spitze ist die Delikatesse.

Wer Zug fährt, ist sicher schon mal der folgende sinnliche Effekt aufgefallen: hat man eine Zeit lang aus dem fahrenden Zugfenster geschaut, kommt es einem beim Halt so vor, als würde der Zug sich Rückwärts bewegen. Da hat’s wohl so einen Trägheitsmoment im menschlichen Auge. Diese Trägheit tritt auch ein, wenn man Zügen auf einer Kinoleinwand zuschaut. Ist der Zug vorbeigefahren, beginnt das Bild zu morphen.

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: