[Berlinale 2008] Film: Sleep Dealer

:::: gesehen am 13.2.2008 im CinemaxX 7

USA, Mexiko 2008; Regie: Alex Rivera; mit: Luis Fernando Peña, Leonor Varela, Jacob Vargas, Tenoch Huerta, Metztli Adamina; 90 min

Ein globalisierungskritischer Science-Fiction, in dem auch eine hübsche Bloggerin drin vorkommt? Das musste ich mir natürlich ansehen. Der Film ist erst vor wenigen Wochen auf dem Sundance-Festvial gelaufen und ist für einen Erstlings-Film sehr professionell geraten. Wenn Low-Budget und Science-Fiction eine Ehe eingehen, wird es entweder grottenschlecht oder aber durch die gestalterische Improvisation im Set Design gerade besonders interessant. Dieser Film ist Low Budget, man sieht es ihm aber nicht zwangsläufig an. Schon in den ersten Filmminuten, die im ländlicher Nirgendwo Mexikos spielen, wird eine hochmilitarisierte Filmwelt etabliert. Ein alter Bauer uns sein Sohn kaufen Wasser an einem hochsicherheitsbewachten Stausee. Wasser ist knapp in der Zukunft und eine amerikanische Firma kontrolliert den Staudamm, der den kleinen Bauern das bisschen nötige Wasser für ihre Felder abklemmt. Der Junge ist Memo, ein Computerfreak, der davon träumt, einmal in den Städten im Norden sein Leben zu machen. Um den fernen Stimmen aus den Städten hinter der schwerbewachten Staatsgrenze zu lauschen, hat er mit einer selbstgebastelten Antenne einen Nachrichtensatelliten angezapft. Doch dieser harmlose Hacker-Angriff bleibt nicht unbeobachtet. Schon am nächsten Tag wird die Hütte des Vaters von einem US-Bomber platt gemacht. Übertragen wir der Krieg gegen die „Aqua-Terroristen“ live im Fernsehen. Den Vater verloren und voller Schuld gegenüber der Familie flieht Memo vom Land in die Stadt. Auf der Busfahrt in die Grenzstadt Tijuana lernt Memo die junge Autorin Luz kennen. Sie hat was er ersehnt in ihre Arme implementiert: Nodes – Schnittstellen um den Körper direkt mit der Anderen Seite, dem Computernetz des Weltmarkts zu verbinden. Nachdem Luz Memo geholfen hat, seinen Körper gleichfalls ans Netz anzuschließen, findet er endlich die ersehnte Arbeit in einer Hi-Tech-Telearbeit-Fabrik. Dort steuert er mit seinem Körper als Billiglohn-Gastarbeiter Roboter, die in weit entfernten Orten Hochhäuser bauen, Kinder hüten, Taxi fahren oder Orangen pflücken. Doch die Computerschnittstellen im Körper scheinen auch ihre Risiken zu haben, diese bizarre und gefährliche Wirklichkeit der Node-Arbeiter, auf die er hier trifft, entspricht in keiner Weise seinen Träumen.

Das wirklich Reale spürt Memo nur, wenn er mit Luz zusammen ist. Die junge Autorin betreibt, was Memo zunächst nicht weiss, ein Befindlichkeitsweblog auf der Plattform „TrueNode“. Auf dieser Community tauschen User gegen Bezahlung ihre wahren Erinnerungen aus. Als Luz ihre Erlebnisse mit Memo verbalisiert, findet sich tatsächlich ein zahlender Abnehmer. Ein Seegen für Luz, die ihr College-Darlehen nicht abbezahlen kann. Der Abnehmer der Erinnerungen verlangt weitere Details über den Immigranten, so freundt sich Luz mit Memo an und beide werden so etwas wie ein Liebespaar. Bis sich rausstellt, dass der Käufer der Berichte der Bomberpilot ist, der den Angriff auf die Hütte des Vaters geflogen ist. Ebenfalls als ein Node-Arbeiter – gestöpselt an die Maschine – hat er ferngesteuert für die Armee gedient. Allerdings hat er unerwartet ein schlechtes Gewissen und möchte die Hintergründe seines ersten Flugangriffs erfahren. Die Weblogeinträge von Luz bestärken ihn, nach Mexiko zu fahren und Memo um Entschuldigung und Wiedergutmachung zu bitten. Zögerlich schlägt Memo ein und zusammen bombardieren sie – in Gedenken an den toten Vater – den bösen Staudamm.

Wenn man das so erzählt, klingt das alles ein bisschen einfach und das Ende ist tatsächlich eher hilflos pathetisch im Angesicht der technoiden Übermacht der USA. Doch trotzdem schafft es der Film eine Diversität aufzubauen, in der nicht Gut immer gut und Böse nur böse ist. Es sind in der nahen Zukunft liegende Realitäten, die die fortschreitende Globalisierung und gleichzeitige Militarisierung von heute mit sich bringen. Der Film schildert seine Zukunftsvision nah genug an der Gegenwart um seine Messages tragfähig zu machen: Die Mächtigen werden weiterhin ihren technologischen Vorsprung nutzen, um andere zu unterdrücken. In den Tele-Arbeit-Szenarien dieses Films geht ein kapitalistischer Traum in Erfüllung: die lästige Arbeit wird erledigt von Arbeitern, die nicht vor Ort sind, also nicht stören können.

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