Filme: Johnny Got His Gun (1971) & Le scaphandre et le papillon (2007)

:::: gesehen, neulich letzte Woche, als ich erkältet im Bett.

Folgender Text von mir ist vor einigen Tagen in einer emotional aufgewühlten Lage entstanden und wollte eigentlich die Filme Johnny Got His Gun (USA 1971 – Regie: Dalton Trumbo) und Le scaphandre et le papillon (F 2007 – The Diving Bell and the Butterfly – Regie: Julian Schnabel) behandeln. Ich habe lieber noch etwas warten wollen, Gefühle sacken lassen und noch einmal drüber lesen und überarbeiten, bevor ich das hier reinstelle.

Samstag, 26.4.08 – 14:35 Uhr


Während ich dies schreibe sitze ich kurz entschlossen im Zug in Richtung meiner Heimatstadt. Und dass das so kurzentschlossen passiert ist, liegt auch an den folgenden zwei Filme, die ich diese Woche gesehen hatte und die mir helfen werden, diesem Wochenende mit Mut und Stärke zu begegnen. Beide Filme handeln jeweils von einem Menschen, der plötzlich die Erfahrung macht, wie es ist, nicht mehr das bisherige Leben leben zu können, sondern für den Rest des Lebens ans Bett gefesselt zu sein.

Im ersten Film – Johnny Got His Gun – geht es um einen jungen amerikanischen Soldaten, der im Ersten Weltkrieg durch eine Granate so sehr verstümmelt wird, dass er all seine normalen Sinne verliehrt. Beide Arme und Beine sind amputiert, ebeso fehlt das gesamte Gesicht, die Ohren. Er ist aber trotzdem vollen Bewußtseins. Die Zuschauer nehmen seine Point-of-View Perspektive durch den fortlaufenden Inneren Monolg des Hauptprogatonisten ein. Auf visueller Ebene shiften die Realitätsebenen: Gegenwart des Körpers im Hospital liegend, Erinnerungs-Rückblenden in die Vergangenheit der ersten Liebe, der Kriegserfahrung – und natürlich Traumsequenzen, die die sinn-lose Ich-Findung des Körpers und eine langsame Ver-wahnsinnigung repräsentieren. Während der Innere Monolog lange über die wahre Realitätsebene zweifelt (wie ist mein Zustand, was ist Traum, was Realität?) ist uns als Zuschauern ständig bewußt, was real ist – der zuerst lieblos, später liebevoll am Leben erhaltene Körper in einem Kriegshospital.

Der zweite Film – The Diving Bell and the Butterfly – hat einen ähnlichen Rahmen, nur ohne die mitschwingende Kriegskritik des ersten Films aus den 1970ern. Durch einen Schlaganfall fällt der „Elle“-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby in ein Koma. Sein Körper ist beinahe vollständig gelähmt, lediglich mit seinem linken Auge kann er mit seiner Umwelt in Kontakt treten. Er lernt, über Blinzelzeichen mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, schreibt auf diese Weise sogar ein Buch über die grundlegende Lebensveränderung durch das Koma. Der Film nimmt ebenfalls die Perspektive des Koma-Patienten ein. Das ganze ist – trotz der zugrundeliegenden Tragik – sehr viel weicher, liebevolle, farbenfroher, luftiger gestaltet. Der Kontakt durch das blinzelnde Auge zur Außenwelt versinnbildlicht eine ungemeine Hoffnung, dass es noch einen Ausweg aus dem Koma gibt. Nachdem sich Jean-Dominique Bauby nach erstem Zynismus mit der komatösen Situation abgefunden hat, beginnt er – nicht ohne Humor – das beste aus seiner Lage zu machen. Und seine Bekannten aus dem alten Leben lassen sich langsam und liebevoll auf die neue Situation ein.

So erbarmungslos die Dramaturgie des erste Film, umso hoffnungsvoller gestaltet sich der zweite Film. Gemein haben beide Filme, dass am Ende der Tod steht und die Frage, wie man die Zeit bis zum unweigerlichen Ende noch so gestalten kann, dass möglichst jede Minute lebenswert bleibt. Auch wenn nichts mehr so ist wie vorher, es bleibt als Besucher die Möglichkeit zu agieren, zu entschleunigen, zu sprechen und zuhören, auch wenn es scheint, dass niemand mehr antwortet.

PS: Dank an Peter Schneider, der mir indirket über Twitter die Filme in 140 Zeichen so nahe gelegt hat, dass ich sie mir unbedingt ansehen wollte.

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