Film: Jerichow

:::: gesehen am 9.1.2009 im Yorck Kino, Berlin

Deutschland 2009 – Regie: Christian Petzold – mit: Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer, u.a.

Eine Dreiecksgeschichte in der ostdeutschen Provinz zwischen einem deutschen Zeitsoldaten, einem türkischen Imbissbuden Besitzer und seiner Frau, die aus dem Schuldensumpf angeheiratet wurde. Der unehrenhaft entlassene Soldat Thomas hat alles Geld verloren, ist arbeitslos und will sich in der Provinz eine neue Heimat aufbauen. Ali, der Imbissunternehmer hat ein gutes Herz und wird von seinen Angestellten betrogen. Seine Frau war vormals wegen hoher Schulden im Gefängnis, hatte Gelegenheitsjobs und heiratete Ali wegen seines Geldes. Drei Figuren also, die emotional verlassen sind und nach Sicherheit in der Einsamkeit suchen. Durch einen Zufall wird Thomas als Fahrer von Ali angestellt, das Liebesdrama nimmt seinen Lauf.

Das Gerüst der Handlung entstammt James M. Cains mehrfach verfilmtem Kriminalroman „The Postman Always Rings Twice“. Wenn man das weiss und eine der Verfilmungen kennt, wird weniger die Handlung um den Ehebetrug mit abschließendem Mordplan spannend, sondern wie es Petzold schafft, diese Geschichte innerhalb seiner filmischen Welt zu erzählen, die geprägt ist von Figuren in melodramatischer Schwerelosigkeit zwischen ortsloser Natur (im klassischen Hollywoodmelodram gern den erotischen Exzess symbolisierend) und gesellschaftlichen Zwängen. Als Film ist der Film gelungen aber auch als Remake-Literaturadaption sehr spannend zu betrachten. Wer nur der tragischen Kriminalgeschichte folgen will, ist gebannt. Wer große Filmbilder sehen will bekommt eine pointiert reduzierte Kamera. Und wer sich eher aus kulturtheoretischer Perspektive an Remakes erfreuen kann, hat eine wunderbare Spielwiese an filmischen Referenzen und deren Neuausrichtung im Realismus Ostdeutschlands. Kann ich durchaus empfehlen.

Bleibt nur noch ein kleiner Exkurs: Seit langem mal wieder mit normalem Publikum im Kino gewesen. Sonst sind es ja eher die Fachveranstaltungen oder irgendwelche besonderen Anlässe vor interessierten Filmleuten, wenn ich im Kino sitze. Heute aber ganz normales Freitagabend-20-Uhr Kino-Bildungsbürger-Publikum. Das war ein nicht ganz so angenehmes Kinoerlebnis, wie einem die inhaltlich wie ästhetisch schrecklichen Imagetrailer der FFA immer suggerieren wollen: unkluge Bemerkungen von der einen Seite, Lacher an falschen Stellen, Reden während des Films von der anderen Seite, generell eine gewisse satte, verbohrte, selbstgenügsame Gemütlichkeit die ich da beobachtete. Ich hatte das etwas verdrängt. Ein neuer, persönlicher Level der schleichenden Kino-Abneigung ist bei mir erreicht (gepaart mit der schleichenden Film-Abneigung, puh!). Andererseits liegt es natürlich an einem selbst, wenn man es sich irgendwo in einer kulturellen Nische des medialen Longtails gemütlich macht und den Blick für den unmittelbaren Durchschnitt um sich rum vergisst. Die Berlin-vs.-Restdeutschland-Blase nun auf Ebene der Peergruppen-Wahrnehmung. Nun gut. Zum Glück gibt es mobiles Internet. Aber über dieses Problem schreibe ich vielleicht mal anderswann.

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