[Berlinale 2009] Film: Deutschland 09

:::: gesehen am 14.2.2009 im Friedrichstadtpalast

Deutschland, 2009 – Regie: Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Martin Gressmann, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner – Sektion: Wettbewerb (außer Konkurrenz)

Omnibusfilm mit 13 kurzen Filmen unterschiedlicher deutscher Filmemacher zur Lage der Nation angelehnt an die Machart von „Deutschland im Herbst“ (1978). Jeder der beteiligten Regisseure verfilmt eine persönliche Wahrnehmung und eigene Sicht auf das heutige Deutschland, abstrakt oder konkret, frei in der Wahl des Formats und des Inhalts. Die einzelnen Beiträge konnten Kurzspielfilme, Dokumentarfilme, essayistisch oder experimentell sein. Entstanden ist ein panoramenhaftes Gesamtbild, dass Raum für komplexe und vielschichtige Interpretationen freimacht. Ich fand’s tendenziell sehr gut, wenn auch teilweise etwas arg politisiert wird. Gut, dass keine Kopie von „Deutschland im Herbst“ entstanden ist, sondern tatsächlich etwas mit Aktualitätsbezug.

Erster Tag (Angela Schanelec)
Epilog – hab ich nicht von Anfang gesehen, weil erst nach Filmstart noch von einem netten Mitarbeiter des Friedrichstadtpalastes als Nachrücker reingelassen worden. War aber was mit nebeliger Landschaft am Morgen.

Joshua (Dany Levy)
Recht klamottiges Kurzstück über ein Deutsches Psychopharmaka, dass Deutschland im rechten Licht erscheinen lässt.

Der Name Murrat Kurnaz (Fatih Akin)
Nachstellung des Interviews mit Murrat Kurnaz, das am 22.10.2008 auf sueddeutsche.de veröffentlicht wurde.

Die Unvollendete (Nicolette Krebitz)
Zum neuen Feminismus. Eine Jugendliche trifft in einem imaginären Raum Susan Sontag und Ulrike Meinhof zum Zwiegespräch, um festzustellen, dass die Theorien der Vorbilder verblassen und nicht mehr auf die eigene Zeit und das eigene Selbstverständnis als Frau anwendbar sind. Es bleibt eine Unvollendete, ein unvollendeter Feminismus.

Schieflage (Sylke Enders)
Erfolgreiche TV-Reporterin und Mutter macht Boulevard-Stück über Suppenküche für arme Kinder. Dabei muss sie feststellen, dass ihre Schubladen und medialen Erklärungsmuster nicht so einfach greifen.

Den Weg, den wir nicht zusammen gehen (Dominik Graf)
Sehr schöner Filmessay über Architektur, Geschichte und Identität. Warum werden alte Wohnhäuser – die letzten lebendigen Zeugen deutscher Geschichte – abgerissen? Symbolisieren die Neubauten der heutigen Zeit eine Tranzparenz, die in Wirklichkeit die totale Überwachung bedeutet? Die Macht und das Mauerwerk.

Fraktur (Hans Steinbichler)
Kurzspielfilm über Layout-Update der F.A.Z. – und ein Putsch der Chefredaktion.

Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten (Isabelle Stever)
Dokumentation einer Schulklasse beim wöchentlichen Besprechen und demokratischen Lösen von Problemen. Die Kinder sollen dabei Demokratie lernen. Der Zuschauer sieht aber, dass die Demokratie von einer Staatsmacht (die Lehrerin) gesteuert wird, denn das worauf sich die Kinder demokratisch einigen, ist nicht mit der übergeordneten Zielen der Pädagogik vereinbar. Kontrollierte Demokratie. Die Illusion von Volksentscheidungen.

Gefährder (Hans Weingartner)
Fiktionalisierte Darstellung der Sache aus dem letzten Jahr mit dem Sozialwissenschaftler, der wegen seiner Forschungen zur urbanen Gentrifizierung als Terrorismusverdächtigter in Untersuchunghaft kam. In seinem Umfeld wurden ca. 4000 weitere Personen beschattet, Daten flossen in Terrorismusdatei ein. Inszenierung von Terrorgefahren zum Zweck der Überwachung unter dem Deckmantel der Prävention.

Feierlich reist (Tom Tykwer)
Globalisierung und Identität am Beispiel eines Geschäftmannes.

Ramses (Roland Kamakar)
Porträt eines Sexbar-Besitzers, der, wenn er von den sexuellen Fetischen der Gäste in seiner Bar spricht, auch von der deutschen Seele berichtet.

Krankes Haus (Wolfgang Becker)
Ärgerlichster Teil des Gesamtwerks, weil bisschen arg aufgetragene Skurilität. In einem heruntergekommenen Krankenhaus werden Staaten am Leben gehalten, geflickt, ruhig gestellt. Etwas bemühte Parallelitäten zwischen Gesundheitssystem und Staatssystem.

Séance (Christoph Hochhäusler)
Ausblick – die Deutschen auf der Mondsiedlung wissen durch Gehirnwäsche nicht mehr was „Deutschland“ heisst. Ausser eine, die das Wort in den Mondsand schreibt. „Deutschland“ wird für die Mondsiedler zu einem neuen Begriff der inneren Sehnsucht.

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