[Berlinale 2010] Tag 2

Samstag, 13.2.2010

Es war ein durchwachsener Berlinaletag, mit einem overkitschigen, emotionsgeladenen Abschluss.

Film: The Oath

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USA 2010 – Regie: Laura Poitras

Der Film porträtiert Abu Jandal, den ehemaligen Leibwächter von Osama Bin Laden. Seit seinem Ausstieg aus dem Terrornetzwerk ist er in der arabischen Welt zu einem einflussreichen Kritikers des islamistischen Terrors geworden. Parallel wird die Geschichte von Salim Hamdan aufgerollt, der als Fahrer Bin Ladens lange Jahre in Guantánamo inhaftiert war. Nach seiner Freilassung, die auf das umstrittene Tribunal Hamdan vs. Rumsfeld folgte, verweigerte er sich jeder Äußerung gegenüber den Medien. Zwei unterschiedliche Schicksale und Personen, die Laura Poitras Film hier verknüpft, um ein menschliches Verständnis über Individuen zurück zu erlangen, die oft in Konflikten pauschalisiert und verloren gehen. Problematisch ist der Film, weil er punktuell in den Verdacht kommt, lediglich als „Sprachrohr“ für Abu Jandal zu fungieren. Dieser Gefahr waren sich die Filmemacher aber bewusst und versuchen eine leichte reflexive Ebene in dem Film zu etablieren. Für meinen Geschmack ist diese reflexive Ebene etwas zu dünn geraten, denn Abu Jandal kann sich sehr gut in Medien präsentieren und wirkt wie ein bauernschlaues Schlitzohr, wenn er in Argumentationsbedrängnis gerät. Trotzdem: sehr insightfull allemal.

Film: Na-neun gon-kyeong-e cheo-haet-da! (I’m in Trouble!)

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Republik Korea 2009 – Regie: So Sang-min

Asiatische Komödien um junge Leute, die nicht erwachsen werden wollen, scheinen in der Sektion Forum ein Abo zu haben. Diese lakonische Komödie erzählt von Sun-woo, einem Möchtegern-Poet aus Seoul, der wie viele seiner Generation überall auf der Welt mit Anfang Dreißig partout nicht Verantwortung übernehmen will. Beziehungsunfähig und biertrunken torkelt er durch sein Leben. Mit gutem Willen kann man dem Film noch zugute halten, dass er versucht die Langeweile und Egalheitung der Nouvelle Vague oder auch der Münchener Boheme zu kolportieren. Mich hat der Film etwas ungerührt gelassen.

My Name is Khan

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Indien 2010 – Regie: Karan Johar – mit: Shah Rukh Khan, Kajol

Ich habe geweint und gleichzeitig gelacht. Ganz großes, überladenes Kino mit einer emotionalen Botschaft. Der Film ist eine islamistische Forrest Gump Adaption aus Bollywood. Rizvan Khan ist ein ehrenwerter, aus Indien stammender Muslim, der am Asperger-Syndrom, einer milden Form von Autismus, leidet. Der durch und durch seriöse Mann, der inzwischen bei Verwandten in Amerika lebt, hat sich bedingungslos verliebt – in Mandira, eine junge schöne alleinerziehende Mutter, die auf ganz persönliche Weise den globalen Traum von Erfolg leben will. Die beiden heiraten – dann aber wird die Familie durch die Anschläge vom 11. September 2001 getrennt. Um sie wieder zu vereinen, muss sich Rizvan Khan auf eine Reise quer durch die USA begeben, durch ein Land, das noch schwer unter dem 9/11-Trauma leidet. Er will den Präsidenten der USA treffen und ihm eine Botschaft überbringen: „Mein Name ist Khan, ich bin kein Terrorist“. Ähnlich wie uns Forrest Gump mit seiner Lebensgeschichte auch von der Nationalpsyche des Nachkriegsamerikas erzählt, erzählt die beturnschuhte Reise Khans von dem Trauma, das diese Nationalpsyche durch die Anschläge am 11. September erlangte. Es ist alles sehr, sehr überbordend. Aber darin perfekt und gezielt. Die teilweise sehr hahnebüchende Überinszenierung ist eine gewollte Antwort auf die überemotionalisierten, amerikanischen Angst vor Terroristen im eigenen Land. Die Angst wird zur Karrikatur, aber nicht anklagend, sondern als eklektischer Hyperhollywoodkitsch. Shah Rukh Khan sagt zu dem Film: „Ich bete zu Allah, dass das, was wir mit diesem Film sagen möchten, sich emotional jedem erschließt und wir, auf unsere Art, Schritte in Richtung Vernunft, Normalität und Einfachheit anregen können. Denn das ist es, was die Welt in diesen Tagen so dringend benötigt.“

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