[Berlinale 2010] Tag 3

Gesehen am Sonntag, 14.2.2010

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Waste Land

Großbritannien, Brasilien 2010 – Regie: Lucy Walker

Wenn man Menschen im Museum beobachtet, sieht man immer wieder, wie bei der Ansicht eines Gemälde der Betrachter seine Perspektive ändert: Mal geht man ganz nah ran und sieht die Textur und das Materielle des Bildes, mal geht man weiter weg, um das Ganze zu sehen. Auf diesem Prinzip basiert das in diesem Film dokumentierte Kunstprojekt von Vik Muniz. Unter der Anleitung von Vik Muniz erschaffen eine handvoll Menschen, die auf einer der größten Müllkippe bei Rio de Janeiro Müll trennen, ein außerordentliches Kunstwerk, indem sie Porträts von sich formen – im Müll, aus Müll. Mit dieser Arbeit verändert sich ihre Perspektive nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Welt. Interessant an dem Film fand ich die vielschichtige Auseinandersetzung mit visuellen und sozialen Perspektivwechseln. Aus dem Hubschrauber fotografiert sehen die Menschen auf der Mülldeponie aus wie Ameisen, begibt sich Vik Muniz auf den Erdboden ist er begeistert von der Menschlichkeit, die er vorfindet. Auf der anderen Seite begeben sich die Müllpflücker in eine neue gesellschaftliche Sphäre und für jeden bedeutet dieser Schritt auch ein anderer Blick auf das eigene Leben.

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Submarino

Dänemark, 2010 – Regie: Thomas Vinterberg

Düsteres Sozialdrama um zwei Brüder, deren Jugend bestimmt war durch Armut und einer alkoholabhängigen Mutter. Heute sind die Brüder erwachsene Männer. Nick ist Bodybuilder, trinkt und trainert hart und lebt in einem Wohnheim am Stadtrand von Kopenhagen. Der jüngere Bruder ist alleinerziehend und heroinabhängig. Alles was sein Leben bestimmt ist die tägliche Spritze und die Sorge, dass es seinem sechsjährigem Sohn einmal besser gehen soll als ihm. Beide Brüder leben in der selben Stadt nebeneinander her, ohne viel voneinander zu wissen, und doch suchen sie sich. Abgeleitet von einer Foltermethode ist der Titel des Film: „Submarino“ heißt die Prozedur, bei der der Kopf eines Menschen bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird. Und genau das macht Thomas Vinterberg mit seinen Figuren. Als Zuschauer ist man froh, wenn die beiden Brüder es mal eben so schaffen, sich über Wasser zu halten und ein wenig Luft holen können, bevor ihnen die nächste Niederlage wiederfährt.

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Orly

Deutschland, Frankreich 2010 – Regie: Angela Schanelec

Der Pariser Flughafen Orly dient als Raum für lose verbundene Szenen von Reisenden: Ein Mann und eine Frau, beide Exil-Franzosen, lernen sich zufällig kennen. Er hat gerade die Entscheidung getroffen, wieder nach Paris zu ziehen, sie sehnt sich dorthin zurück. Eine Mutter und ihr fast erwachsener Sohn sind unterwegs zur Beerdigung des Exmannes bzw. Vaters. Ein junges Paar macht seine erste große Reise. Und eine Frau liest einen Brief des Mannes, den sie vor kurzem verlassen hat. Alle warten auf ihren Flug. In aller Pragmatik gibt der Flughafen Räume von Intimität und die Situation des Transits ermöglicht eine Öffnung der Figuren zueinander und der Umgebung. Es ist eine schöne Sentimentalität und eine Abschiedsstimmung, die den Film bestimmt. Die Kamera beobachtet die Protagonisten mal nah, mal aus Entfernung. Das Spiel der Schauspieler mischt sich mit dem Realen des Flughafenalltags. „Orly“ ist ein gelungener Film. Bemerkenswert aber auch erneut, wie das Qualitätsempfinden von Filmen sinkt, wenn man danach die Filmemacher drüber reden hört.

6 Kommentare

  1. Pingback: pro2koll

    • @tristessedeluxe hi, zdf möchte am mittwoch was über twittern auf der berlinale machen. lust bei einem spontanten treffen dabei zu sein?

  2. Pingback: Siegessaeule Online

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