[Berlinale 2010] Tag 8

Gesehen am Samstag, 20.2.2010

Seitsemän laulua tundralta – Seven Songs from the Tundra

Finnland, 2000 – Regie: Anastasia Lapsui, Markku Lehmuskallio

3B0752A2-B172-44C0-9B27-C73EA8B9243E.jpgAussehen und erinnern tut der Film sehr nach frühen ethnologischen Filmen, wie etwa der Klassiker dieses Genres Nanook of the North (1922). Tatsächlich ist dieser Film aus dem Jahr 2000 aber ein Spielfilm erzählt entlang von sieben traditionellen Liedern und mit Laienschauspielern über das Leben der Nenet, eines Nomadenvolkes im nördlichen Russland. Also auf jeden Fall ethnologisch interessant. Und auch wie gern gesehen wieder die typischen Konflikte zwischen kommunistischem Herrschaftsanspruch und den individuellen Bedürfnissen einer Dorfgemeinschaft. Die Regisseurin Anastasia Lapsui, selbst gebürtige Nenet, schrieb das Drehbuch, in dem sie Legenden und ihre eigenen Erfahrungen verarbeitete

Bibliothèque Pascal

Ungarn, Deutschland, 2010 – Regie: Szabolcs Hajdu

02C4EC3E-AD9D-439A-80BB-5B8895DC17FB.jpgDie Rahmenhandlung ist die einer Mutter, die um ihre Tochter wieder zu bekommen, im Jugendamt schildern muss, was ihr in den letzten drei Jahren widerfahren ist. Ihre Schilderung der Geschehnisse aus drei Jahren zieht den Zuschauer mit Macht in einen abenteuerlichen Plot, in dem Liebe, Verbrechen, Hellseherei, Auferstehung von den Toten, Frauenhandel und ein literarisches S/M-Bordell keine unbeträchtliche Rolle spielen. Der Film verpackt diese Geschichte einer alleinerziehenden osteuropäischen Mutter, die als Prostituierte in Liverpool landet, in prallbunte Bilder. Mit wunderschön kitschigen Special effects, traumwandlerisch langsamen Kamerafahrten und einem hypnotisierenden Soundtrack bringt der Regisseur das Kino dahin, wo es einmal zu Hause war: auf den Jahrmarkt; dahin, wo eine Geschichte fantasievoll und fesselnd sein darf und sich nicht mit Authentizitätsansprüchen plagen muss.

La belle visite

Kanada, 2009 – Regie: Jean-François Caissy

4101CC6E-CE93-434D-BA2B-9D59E0E415AF.jpgDiese Dokumentation eines Altersheims in einem ehemaligen Motel will keine Sozialstudie sein, sondern zielt auf einen ganz reduzierten Ansatz des Dokumentarischen: Möglichst keine Wertung, kein Kommentar zu sein, sondern nur Beobachtung. Die Bilder sind Tableaus der Entschleunigung und erzählen vom Zustand des Abwartens, von Ritualen im Alter und vom Vergehen der Jahreszeiten. Zuerst störte mich diese sehr starke Distanz, die zu den Menschen gehalten wird: keine Interviews, keine Hintergründe über das Leben der Senioren. Aber das genau will der Film. Die Bewohner des Altersheims sollen nicht Stichwortgeber für irgendwine soziologische Betrachtung sein, sondern sind Teil einer ganz unsentimentalen Elegie. Entstanden ist diese Haltung erst während der Filmarbeiten, erzählte der Regisseur.

Da bing xiao jiang – Little Big Soldier

Hongkong, China, Volksrepublik China, 2010 – Regie: Ding Sheng

F3ED23B5-4AFF-422B-BA05-824D7B0487FF.jpgLeider durch einen Druckfehler in meinem Programmheft hat das alles nicht so geklappt, wie geplant, sodass nun diese chinesische Historien-Unterhaltungsfilm mit Jackie Chan der letzte Film auf der diesjährigen Berlinale für mich wurde. Ein Soldat und sein Gefangener ziehen durch Geschehnisse in der „Zeit der Streitenden Reiche“ (475 v. Chr. − 221 v. Chr.), einer Periode der politischen Instabilität und gleichzeitig einer Blüte von Philosophie, Literatur, Kunst und Technologie in China. Der Soldat will seine Gefangenen in seine Heimat zurückbringen und die dafür übliche Belohnung kassieren. Beide Männer sind von Herkunft und Charakter sehr unterschiedlich, doch die lange abenteuerliche Reise schweisst beide freundschaftlich zusammen. Der Film hat Sentiment. Aber es ist eben auch ein Jackie Chan Film mit viel Rumms und der üblichen Kampfkomik.

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