Sieben Minuten Berlin Ecke Schönhauser

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Und dann steht man in Berlin Ecke Schönhauser, wartet auf die Tram und weiss nicht, wo es gedanklich weiter gehen soll. Auch wenn der Tag gut gelaufen ist, sogar Erleichterung bringt, spüre ich schon wieder die nächsten Steinchen in den Schuhen auf dem Weg zum Ziel. Welches Ziel eigentlich? Im Hamsterrad des Alltags fehlt viel zu oft der Blick für das große Ganze. Wo nehmen wir nur immer all die Motivation her, zu allem und jedem eine Meinung zu haben? Es sind doch alles nur undurchdachte Reflexe.

In genau dem Moment werde ich im Internet auf Formspring gefragt, “an welche berührende erfahrung mit einem fremden menschen erinnerst du dich zuerst bei dieser frage? (zwangskuscheln im öpnv gildet nicht.)”, und ich schreibe unvermittelt im Vakuum der Haltestelle von meiner ersten Liebe:

Ich war 18 und verabschiedete mich von meiner ersten Freundin am Bahnhof. Sie reiste weg, Umzug und würde nicht wieder kommen. Große, erste Liebe. Großer, erster Kummer. Der Zug fuhr ab und die Tränen brachen nur so aus mir heraus. Eine wildfremde Frau nahm mich in den Arm, schwieg und ließ mich ausheulen. Als ich wieder bei mir war, ging sie wortlos. Wir sahen uns nie wieder.

Abgesendet und im selben Moment ist da die Abscheu vor der Überhöhung des Selbst.

Dann noch kurz ein Gedanke zu Google+ und Steinzeitmenschen gehabt, der zu lang war, um ihn zu twittern: Wenn Steinzeitmenschen nicht gewusst hätten, dass es Feuer gibt, hätten sie dann überhaupt entdeckt, dass man Feuersteine nicht nur als scharfes Werkzeug, sondern auch als Funkengenerator nutzen kann, mit dem man Feuer schaffen kann? Sprich, die dem Tool innewohnende Qualität kann man nur nutzen und bewerten, wenn man weiss, wofür das Tool dient. Gibt man nun Facebook-Affen ein neues Social Tool, ohne zu sagen, wofür es gedacht ist, werden sie es aus Reflex so lange wie Facebook nutzen, bis sie zufällig auf andere Nutzungsszenarien stoßen. Bin gespannt, wann wir uns evolutionär aus dem Facebook-Zeitalter erheben und dieses Social anders nutzen. Etwa zu echter Kollaboration und nicht nur zum Broadcasten mit angehängter Dialoginszenierungen. Wenn das nicht bald passiert, gebe ich Google+ vielleicht doch keine Chance. Die Überhöhung des Selbst durch ausgeprägtes Linkschleudertum von Nerdmänner auf Google+ hat gefühlsmässig vielleicht dann doch nicht die Interessanz, um die Zukunft des Social Web zu sein. Nur so ein Gedanke, noch nicht fertig gedacht, nachdem ich diese Slideshow durch geklickt hatte: Slideshow – What Google is really about (psst! it’s not social).

Dann kam die Tram. Raus aus dem Vakuum der gedanklichen Haltestelle wieder zurück ins Hamsterrad.

Autor: Tillmann Allmer

Dies ist mein persönliches Blog. Ich lebe in Berlin und bin Berater für digitale Kommunikation in einer globalen PR-Agenur. Meine Interessen: Netzkultur & Social Media, Instagram-Fotos, Filme & Serien sowie meine Familie. Folge mir auf Twitter, Facebook und Google+.

11 Kommentare

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  5. Schöner Text Tillmann! Da steckt viel Wahres drin. Wie sehen uns dann morgen und laufen gemeinsam im Hamsterad. Das macht ja bekanntlich mehr Spaß :)

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  8. So sehr ich den Absatz über die Facebook-Affen prinzipiell nachvollziehen kann, spricht in meinen Augen schon heute was dagegen. Durch die Idee, zunächst nur eine ausgewählte Population den Zugang zu G+ zu gewähren hat Google es in meinen Augen geschafft, schon eine andere Kultur aufzubauen. Wenn also bisher nur Facebook gewohnte Menschen kommen und auf G+ stossen, sich dort vernetzen und ein wenig den Kontakt zur Welt G+ suchen, so werden sie sehr direkt sehen, dass es hier anders läuft als dort – aber eben auch umgekehrt. Wenn man aber sieht, wie oft sich Menschen auf G+ dazu gratulieren, dass mehr und bessere Debatten und Diskussionen entstehen als sowohl auf Facebook als auch in Blogs, dann muss Google doch auch was richtig gemacht haben.
    Ausserdem glaube ich, dass wir erst den Anfang von G+ sehen. Ich vermute, dass auch noch Kollaboration und Integration mit den anderen Google Tools passieren wird; die Ideen von Google Wave sind sicher nicht ganz gestorben. Und auf einen G+ integrierten, sozialen Kalender bin ich mittlerweile schon echt gespannt.

  9. Kurz, prägnant und wirklich schön geschrieben. :)

    Was mich interessiert: was verstehst Du unter “…Bin gespannt, wann wir uns evolutionär aus dem Facebook-Zeitalter erheben und dieses Social anders nutzen. Etwa zu echter Kollaboration…”?

    • Ich sehe heutige Social Media Plattformen im Großen und Ganzen als Broadcasting und Simulation von Dialog. Es gibt Leute die haben eine Meinung und posaunen das raus, dann gibt es Kommentatoren, oder Pickups, oder Likes und eine große schweigende Menge. Ich weiss nicht, wo das hingehen könnte, aber ich hoffe, dass Google+ soziale Elemente weg von diesem Seifenkisten-Social-Media nimmt und die Social-Elemente auf andere Bereiche der Web- und Cumputernutzzung ausweiten kann. Ich denke da z.B. an Google+ für Unternehmen (Wave sollte es ja auch für Unternehmen geben). Ich will, dass alles Social ist, wenn ich einen Computer anschalte, nicht nur dort auf den Plattformen, die dafür da sind. (so die Richtung)

  10. Ein interessanter Gedankengang. :)

    Aber es wird immer einen Grossteil geben, der schweigt. Glaubst Du, dass dies durch ein Konzept – welches sich meiner Ansicht nach nicht gross von denen anderer Plattformen unterscheidet – wie bei G+ ändern lässt? Wenn ja, warum bzw. was ist bei G+ anders, das die grosse Masse zum Sprechen bringt? :)

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