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Berlinale 2013
Zu Beginn der diesjährigen Berlinale am Donnerstag vor einer Woche las ich im Büro eine Tageszeitung und dort wurde Wong Kar Wai, das diesjährige Jury-Leittier, zitiert mit der Vorgabe, dass dieses Jahr die Jury nur über die positiven Dinge der im Wettbewerb stehenden Filme streiten und diskutieren möge. Das habe ich mir als wertvolle Vorgabe für meine Berlinale beherzigt. Alles erstmal tolle Filme und tolle FilmemacherInnen. Und es passte. Wieder habe ich mich nicht (wie früher) immer wieder über Filme geärgert *nörgel*. Ich habe mich auf die Filme eingelassen. Auch auf die Wartezeiten zwischen Filmen, und auf die *erstmal* nervigen Gespräche am Rande, aus denen dann doch netter Smalltalk oder zumindest so etwas wie diese diffuse “Berlinalegemeinde” wird.
“Sind sie einer von diesen Freaks, die hier rund um die Uhr im Einsatz sind?” wurde ich von meiner Sitznachbarin gefragt. Ich verneinte. Ich sei nur so aus Spaß hier. Weil mir die Atmosphäre gefällt. Endlich fühle sich Berlin mal an wie eine Metropole, man säße andauernd neben so interessanten Menschen und überhaupt. Wir haben uns dann noch über diesen und jenen Film unterhalten. Es stellte sich heraus, dass sie eigentlich eine von den Publikumsvorkaufsfreaks war, die quasi rund um die Uhr im Einsatz sind, um irgendwie an eine Karte zu kommen.
Dieses lästige Vorverkaufsgerangel ist mir ja nichts. Oder gar der Akkreditiertenstrich morgens um 7 Uhr? Ich bin wie letztes Jahr, einfach da wo es zeitlich passte an die Tageskassen gegangen und habe dort geschaut, was mich interessiert und was dann noch als zeitliche Füllfilme geht. Damit bin ich dieses Jahr wieder sehr gut gefahren. Pressekonferenzen und Partys gehören zwar irgendwie auch dazu, aber dafür müsste ich Urlaub nehmen. Ich finde das schön, wenn sich Leute aus unterschiedlichsten Dings treffen, um Filme zu sehen und drüber zu quatschen. Und spannend, wie wichtig sich jeder immer findet. Alles Diven. Damit komme ich klar. Vorneweg natürlich ich, als langjähriger, regelmässiger Berlinale-Gänger (seit 1994, in unterschiedlichsten Akkreditierungsstadien, hohoho, da kann man was erzählen … ) über die langjährige Kartenverkäuferin im Cinestar bis hin zur “Lassen sie mich durch, ich bin Berlinale-Kinderreporterin vom Tagesspiegel”. Super! In so einer Atmosphäre kann ich atmen.
Dazu kommt für mich sicher auch die Änderung, mein Filmtagebuch nicht mehr so sklavisch führen zu wollen, wie ehemals. Ich muss nicht mehr jeden Kinofilm oder auch nur jeden blöden TV-Film, bei dem ich auf der Hälfte eingeschlafen bin, sofort verbloggen. Und es tut auch dieses Jahr zur Berlinale verdammt gut, nicht schon morgens beim Aufwachen den Druck zu haben, über die Filme die man gestern gesehen hat – und ach vorgestern erst – noch schreiben zu müssen und erst recht noch über die Filme, die man heute noch sehen wird. Respekt vor denen, die das schaffen! Alleine wie man Filme schaut, ohne drüber schreiben zu müssen. Nicht schon während des Sehens drüber nachdenken, was man da jetzt schon wieder zu schreiben soll. Sondern. Flow.




14 schöne, wichtige, sehenswerte Filme. Nein eigentlich 15, mit dem Piratebay-Film “TPB AFK” (YouTube Link), den ich berlinale-erkältet mit Fieber im Bett auf dem Handy gesehen habe.
Film: Work Hard – Play Hard

Work Hard – Play Hard, Deutschland 2012; Regie: Carmen Losmann; gesehen am 20.4.2012 im Eiszeit-Kino
Und dann war da noch dieser soziologische Dokumentarfilm über die moderne Arbeitswelt in Konzernen, der ein durchaus interessanter und ästhetischer Dokumentarfilm ist, aber meine Erwartungshaltung etwas enttäuscht hat. Vielleicht lag es aber auch weniger an dem Film, als an dem Publikum, das zum größten Teil offensichtlich nicht in dem Film dargestellten Arbeitsumfeldern tätig ist. Sprich: bei jedem ungewohntem Anglizismus aus der Corporate Speak der modernen Konzernwelt, musste sich erstmal schlapp gelacht werden. Man hat ja einen ach so distanzierten Blick auf diese fremde Arbeitswelt. Das hat arg gestört.
Der Film ist nicht lustig, das hat die Kritik in der taz sehr richtig erkannt:
Die einzige Ironie, die aus „Work Hard – Play Hard“ ersichtlich wird, ist die, dass ausgerechnet die Rituale der Optimierung, die hier zu sehen sind, selbst häufig den Eindruck des Redundanten machen. Triviale Diagramme auf Flipcharts scheinen einen wichtigen Teil aller Unternehmens(berater)kulturen auszumachen: Engagement wird da bedeutungsschwer in „rational“, „emotional“ und „motivational“ aufgefächert (dass der Begriff auch noch eine ganz andere Semantik hat, muss dabei verdrängt werden). Dokumentarfilm Work Hard Play Hard: Arbeit 2.0 – taz.de
Denn darum geht es eigentlich: Der Film ist eine ethnologische Beobachtung, die eine mehr oder weniger versteckte Ideologiekritik ausüben möchte. Ganz wie wenn ein früher Ethnologe ein fremdes Volk dokumentiert und zwischen den Zeilen (eventuell auch ungewollt) die Überlegenheit der westlichen Kultur bestätigt, taucht die Filmemacherin in für sie unbekannte Konzernwelten ein. Mein Vorwurf wäre nun, dass Carmen Losmann in ihrer Dramaturgie, also der filmischen Sortierung der Beobachtungen, Ideologiekritik am Kapitalismus immer wieder an die Wand fährt. Sehr gute Detailbeobachtungen werden immer wieder so aufgelöst, dass das Publikum lachen muss. Das ist Schade, denn ja, vieles Gezeigte hat religiöse Züge und erinnert an die für unsere Augen Hilflosigkeit des Cargo-Kultes. Doch eine reflexive Auseinandersetzung damit, dass das was wir da sehen nicht ein fremdes Volk, nicht ein distanziertes Beobachtungsobjekt ist, sondern Teil und Prägung unserer poststrukturalistischen Gesellschaft ausmacht, bleibt unterbelichtet.
Mit seinem ruhigen, zurückhaltenden Stil, der erkennbar durch die Arbeiten Harun Farockis beeinflusst ist, gelingt dem Film eine beunruhigende Bestandsaufnahme des „Kapitalismus als Religion“, wie Walter Benjamin das einst nannte. Losmann verzichtet auf jeden Kommentar – das erledigen schon die von ihr Porträtierten selbst, wie jene Analystin, die sich nicht in die Kamera zu sagen scheut, sie wolle die Vorgaben „nachhaltig in die DNA jedes Mitarbeiters einpflanzen“. (faz.net)
Bei den Stichworten “Kapitalismus als Religion” oder auch “Arbeit als Freizeit” würde es eigentlich erst interessant werden. Der Film kommt über eine Bestandsaufnahme jedoch nicht hinaus. Angestellte werden als Arbeitsmaterial dargestellt (was sie für Unternehmen ja auch sind). Aber kein Perspektivwechsel findet statt, sie werden nicht als Menschen portraitiert. Dadurch hat Carmen Losmann in diesem Dokumentarfilm auf die Angestellten und Protagonisten den gleichen distanzierten Blick, den Unternehmen einnehmen.
Durch einen Perspektivwechsel – etwa eine Beobachtung einzelner Mitarbeiter in anderen, privaten Kontexten – hätte zum Beispiel deutlich werden können, dass sich die Protagonisten ganz bewusst darüber sind, was sie für eine Rolle im Konzern spielen, sich an die sprachlichen Akzente der Corporate Speak – die für einige Ohren albern klingen mögen – auch gern anpassen, und die von Außen scheinbar sinnlosen Rituale als durchaus legitim anerkennen.
Jedoch genau wie Unternehmen Veränderungsprozesse über die Köpfe ihrer Angestellten hinweg planen, dramaturgisiert die Filmemacherin über die Köpfe ihrer Protagonisten hinweg. Besonders schön gelingt dies in der Schlusssequenz, wo nachträglich am Schneidetisch per Digitalzoom über eine wartende Frau hinweg gezoomt wird auf die Wand der Lobby, die ein Muster aus Byte-Kombinationen darstellt. Nun ist auch dem dümmsten Zuschauer die Botschaft des Films klar: “Alle Mitarbeiter werden in Bytes erfasst, alle Menschen sind hier nur Einsen und Nullen.” Die Filmemacherin verpflanzt quasi ihre Botschaft in die DNA des Zuschauers. Bei solchen filmischen Stilmitteln fängt für mich persönlich ja Propaganda an.
Da zum Beispiel ist dann Harun Farocki um einiges tiefgreifender, selbstreflexiver und geschickter was analytische Bildsprache und poststrukturalistische Gesellschaftskritik angeht.
Trotzdem guter Film. Lohnend. Pflichtlektüre quasi. Und dazu als Nachbereitung den Poststrukturalismus Podcast von Tim und Gregor anhören.
Berlinale 2012





Für Zuspätkommende kein Einlass. Das war eine schöne Berlinale dieses Jahr. Alle Filme waren zumindest interessant. Nichts dabei, worüber ich mich ärgern musste. Öfter mal netten Small Talk mit Unbekannten im Nebensessel gehabt.
Film: Drive

Drive; Regie: Nicolas Winding Refn; mit: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Christina Hendricks, Ron Perlman, Oscar Isaac, Albert Brooks :::: gesehen am 6.2.2012
Ich habe mich soeben verliebt in Carey Mulligan. Und wohlmöglich auch in Ryan Gosling und in den Regisseur Nicolas Winding Refn? Krass! Krass, dass Filme das vermögen.
Heute ging am Mittagstisch mit den Kollegen kurz das Gespräch um “Drive” (Filmkritik zu “Drive” auf critic.de). Ich hatte den Film noch nicht gesehen. Mein geschätzter Kollege mochte den Film sehr, hatte mich vor ein paar Tagen schon drauf angesprochen. Das hatte ich da noch nicht ganz ernst genommen, aber nachdem der Film in den Timelines und überall immer wieder aufpoppte und jetzt am Tisch Wortfetzen wie “zuviel Kunst”, “zuviel Bildsprache”, “würde dir sicher gefallen, Tillmann” fielen, hatte der Film höchste Priorität.
Gutes Kino. Genrestilistisch und narrativ ein typischer Film Noir, nur nicht schwarzweiss, sonder halt in hochmoderner Farbkomposition, ähnlich wie “Taxi Driver” seinerzeit Farbe in das Genre des Film Noir brachte. “Drive” ist außerdem so etwas wie ein Mashup vom frühen David Lynch und dem frühen Tarantino. Ich will mich da noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber es könnte sein, dass Arthouse Amerika langsam wieder zur Vernunft kommt und kulturfähig wird? Der Film ist außerdem eine traurig-zarte Liebesgeschichte. Und tolle Karren und Buddys und Bösewichte und Verfolgungsjagden wie in “Ein Colt für alle Fälle” gibt es auch. Eigentlich alles, was man braucht.
Unbedingt im Kino sehen. Nicht am Display.
Ach ja, der Soundtrack ist auch ziemlich große Klasse.
Film: Solo Sunny

Solo Sunny, DDR 1980; Regie: Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase; mit Renate Krößner, Alexander Lang, Heide Kipp, Dieter Montag, Klaus Brasch, u.a. :::: gesehen am 4.2.2012
Ich dachte eigentlich, den Film schon im Studium gesehen zu haben. Hatte ich aber wohl doch noch nicht. Vermutlich nur Ausschnitte in einem Seminar oder einer Doku über die DEFA oder so.
Besonders beeindrucken mich beim Sehen des Films die Altbauten im Prenzlauer Berg, die kurzen Eindrücke des Straßenbildes von Ostberlin 1980. Insbesondere natürlich meine Lieblingsgegend um die Kopenhagener. Ungefähr dort, wo mein erster Berlinkiez Anfang der 1990er war. Die ersten Berliner Winter mit undichten Fenstern, Kohleofen oder Gamat, feuchten Wänden und Ratten im Hinterhof. Zum Aufwärmen bin ich damals oft ins Kino gegangen. In der ersten Zeit gab es noch kein Telefon in den Wohnungen. Auch wenn etwas mehr als 10 Jahre zwischen diesem Film und meiner ersten Berlinzeit liegen – ein wenig dieser alternativen DDR-Künstler-Prenzlauerberg-Stimmung des Films war Anfang der 1990er noch da. In der Retrospektive war das auch ein bisschen Emanzipation vom westdeutschen Elternhaus: Ein bisschen Lebensatmosphäre des Klassenfeindes aufsaugen, bevor dann “die ganzen Schwaben” kamen. Die Gentrifizierung sind du und ich. Die Zeiten ändern sich. Für derart nostalgischen Betrachtungen sind diese alten Berlin-Filme ja immer gut.
Außerdem interessant die Zwischentöne des Films in puncto Emanzipation und Feminismus. Alles ziemlich chauvinistische Verhältnisse, die dort gezeigt werden. Die sexuelle Befreiung der Sunny bedeutet nicht gleichzeitig die Emanzipation von Rollenklischees. Aber das hat ja nicht alleine mit der DDR zu tun und ist ja auch Thema in diversen Autorenfilmen aus Westdeutschland aus der Zeit. Eine Thematik die heute im deutschen Film nicht mehr so stark hervortritt, oder? Warum eigentlich nicht?
Ich möchte mir mal wieder mehr alte Berlinfilme ansehen. Bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Stadt und der Geschichte, die einen ummgibt.
Film: Ziemlich beste Freunde

“Ziemlich beste Freund”; Frankreich 2011; Regie: Olivier Nakache, Éric Toledano :::: gesehen am 26.1.2012 im Yorck
Nach drei fehlgeschlagenen Anläufen hat sich in dieser Woche schließlich doch die Gelegenheit gefunden, den Film “Ziemlich beste Freunde” anzusehen, von dem man ja nur Gutes hört. Was für ein Wohlfühlfilm! Da kann man nicht meckern.
Das Über-den-eigenen-Schatten-springen. Das Leben-genießen-trotz-vermeintlicher-Sorgen. Das Reich-versus-Arm gekoppelt mit den bourdieu’sch, feinen Unterschiede der französischen Gesellschaft. Man sitzt ja seltenst in einer Filmkomödie und muss wirklich herzhaft lachen. Hier stimmt der Humor und die Energie und das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren. Und Melancholie ist auch noch drin. Witz, Tempo, Hach. Das war schön.
Blöd nur, dass der Film so gut ist, dass am Ende alles gesagt ist und man nach dem Film gar nicht mehr so viel schlau dran rumreden kann.
Film: Whiskey mit Wodka

“Whiskey mit Wodka” (Dtl. 2009; Regie: Andreas Dresen; mit Henry Hübchen, Corinna Harfouch uva.) :::: gesehen am 18.12.2011 als Videostream
Mein erster Film auf einem iPad war nun schließlich gestern Abend Andreas Dresens Film “Whiskey mit Wodka” gestreamt aus der arte Mediathek auf der ganz brauchbaren iPad und iPhone App von arte. Brauchbar? Na, man kann halt einiges aus dem arte Programm noch ein paar Tage später auf Handy oder Tablett nachsehen. Kennt man ja, Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen gibt’s ja nun schon eine Weile. Aber so auf dem Handy oder dem Tablett ist’s natürlich noch mal viel mehr wahr gewordene Science Fiction.
Der Film selber ist ein Film übers Filmemachen und baut auf einer Begebenheit auf, die man vom Theater zwar kennt, die im Film aber eher selten ist, zu der es wohl aber mal in der Defa-Filmgeschichte kam: Die Zweitbesetzung, um Ausfälle zu verhindern. Im Film wird ein alkoholgefährdeter, alternder Schauspielerstar plötzlich bei den Dreharbeiten zu einem neuen Film mit einer jüngeren Zweitbesetzung seiner Hauptrolle konfrontiert. Dadurch entsteht natürlich ein komisches Wirrwarr zwischen den beiden Konkurrenten, aber auch zwischen den weiblichen Darstellerinnen und ihren Rollen. Sie müssen schließlich jede Szene des Films im Film doppelt so oft mit jeweils dem anderen Darsteller spielen. Natürlich behandelt der Film im Film auch noch eine in den 20ern angesiedelte Dreiecksbeziehung, in der Alter und Jugend als KonkurrentInnen auf den Plan treten. Das ganze ist erfrischend melancholisch erzählt und erinnerte mich ein bisschen an Woody Allen – nicht nur durch den dauernden 20er Jahre Jazz im Hintergrund.
“Auf der Zugfahrt vom Kinofest Lünen, wo wir “Sommer vorm Balkon” vorstellten, zurück nach Berlin erzählte mir mein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase von diesem kuriosen Treppenwitz der Filmgeschichte. Ich kannte das vom Theater, aber beim Film ist es ein Unikat. Ich hätte nie gedacht, dass es das wirklich gegeben hat.
Ich habe mit dem Regisseur des DEFA-Zweiteilers “Schlösser & Katen” von 1957, Kurt Maetzig, telefoniert. Er sagte mir, dass er das aus rein pädagogischen Erwägungen gemacht habe, quasi um seinen dem Alkohol ergebenen Hauptdarsteller auf den Weg der Tugend zurückzuführen, was auch einigermaßen gelungen sein soll. Das war aber nur die Anregung für “Whisky mit Wodka”.” (Andreas Dresen zum Film im Interview mit kino.de)
Man muss sich das mal vorstellen: Eine Filmproduktion macht extra Budget locker, um eine Zweitbesetzung einzusetzen, aus pädagogischen Erwägungen, damit der Hauptdarsteller sich zusammenreisst und während der Dreharbeiten nüchtern bleibt. Tolles Ding, die DEFA in den 1950ern.
Der Film wird noch 2-3 Tage in der arte Mediathek zu sehen sein, schätze ich.
Film: The Tree of Life
Und dann hatten wir ja letzten Freitag den Cannes Palme Gewinnerfilm The Tree of Life gesehen, von dem ich nicht wusste, was ich davon halten möchte. Ich hatte den Film schon fast wieder vergessen, als ich heute auf dem Weg zur Arbeit im NSFW030-Podcast hörte, wie sich Tim und Holgi über Stan Kubrick streiten. Explizit verteidigt Tim 2001 – A Space Odyssee als großartigen Film, während Holgi nur entgegensetzt, der Film sei langweilig. Und irgendwo dann ja auch gelesen, dass “The Tree of Life” an “2001″ erinnere. Aber wie Tim da seine Analyse des Kubrik-Films runterimprovisiert und das tatsächlich gute Argumente für den Film und für Kubrik sind, fällt mir dann doch in Gedanken auf, wie blass The Tree of Life im Vergleich tatsächlich ist.
Nichtsdestotrotz ein interessanter Film, kann man sehen, sollte man im Kino sehen, große Leinwand und so. Aber langweiliger Kopfkram, also wach im Kopf sollte man schon sein. Große Werbebilder, Archetypen, Plateaux des menschlichen Daseins, Gottesdienst und Entstehungsgeschichte in einem Konglomarat aus Familienepos/ -Drama und naturwissenschaftlichem Infotainment. Der Makrokosmus und die Kernfamilie. Also alles ganz, ganz große Bögen, in den man sich schnell verlieren kann.
Aber genau das ist ja das Konzept des Tree of Life:
The concept of a tree of life as a many-branched tree illustrating the idea that all life on earth is related has been used in science, religion, philosophy, mythology, and other areas. A tree of life is variously;
1. a motif in various world theologies, mythologies, and philosophies;
2. a metaphor for the livelihood of the spirit.
3. a mystical concept alluding to the interconnectedness of all life on our planet; and
4. a metaphor for common descent in the evolutionary sense.

The Tree of Life; USA, Indien 2011; Regie: Terrence Malick; gesehen am 24.6.2011 im Odeon.
Film: Rotes Kornfeld

“Rotes Kornfeld”, Zhang Yimou, China 1987, gesehen am 19.5.2011 im Arsenal
Ach so! Das war “Rotes Kornfeld”, in den ich da gestern spontan mit reingegangen bin, weil sich eine Freundin den ansehen wollte. Hätte ich den Titel gewusst, wäre ich wahrscheinlich nicht mit dabei gewesen. Eine ungesehene VHS Kopie des Films, aus dem Fernsehen aufgenommen Ende der 1990er, habe ich noch in einem der Müllsäcke im Keller. Ein Kanonfilm der Filmwissenschaft. Pflichtlektüre. Und wenn Hobby zu Pflicht wird, ermüdet man gern. Und hier und da kam mir es vor, als hätte ich den Film schon mal gesehen. Vermutlich in Ausschnitten, die Schlüsselszenen, in irgendeinem Seminar. Tja, so kann es kommen. Sehr guter Film. Westerngenre auf Chinesisch. Das Kornfeld, die Weinplantage, eine Frau unter wilden Männern. Schlumpfdorf. Starke Assoziationsbilder also mit viel Raum für eigene Notizen und Gedanken. Gedanklich war ich dann auch zur Hälfte noch im Büro verhaftet. Das Internet als Beruf ist ja auch oft so ermüdend wie das Kino als Beruf.
Nach dem Film auf dem Fahrrad eine Idee gehabt, die auch einen Tag später noch tragfähig ist. Mal sehen.
[Berlinale 2011] Film: Vaterlandsverräter

Vaterlandsverräter Deutschland, 2011; Regie: Annekatrin Hendel :::: gesehen am 14.2.2011 in Perspektive Deutsches Kino
So geht der Film los … (YouTube Direktlink)
… und schon nach zwei Minuten ist man gebannt und will mehr wissen von dieser Person, die sich da so weit aus dem Fenster hängt. Annekatrin Hendel nähert sich in ihrem Dokumentarfilm dem Schriftsteller Paul Gratzik, der in der DDR 20 Jahre als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gearbeitet hat und 1981 seine Spitzeltätigkeit offenbarte. Der Film ist eine sehr spannende Gradwanderung zwischen persönlichem Porträt und Deutscher Geschichtsaufarbeitung. Auch hier gilt mal wieder: das Private ist politisch. Und eine Pauschalisierung, eine einfache Erklärung auf die neugierig gestellte Frage, wie und aus welcher Motivation kamen Literaten in der DDR zur Staatssicherheit, wird der Film nicht geben. Aber wir lernen Paul Gratzik kennen. Ein Kind aus armen Hause, ein Lebemann, ein Liebhaber, ein Charismatiker, ein überzeugter Kommunist, ein Säufer, ein Literat, ein Bauernschlauer, der sich mit Frauen, dem Kulturbetrieb und dem Staat arrangiert. Es ist ein Gemenge aus dem großen Ganzen der Weltgeschichte und dem Individuum in seiner Zeit. Das sind sehr weite Klammern, die der Film aber souverän zu schließen weiss.
Es ist der Inhalt, aber vor allem auch die sensible Kamera, und der didaktische Schnitt, welche den Film für mich so sehenswert gemacht haben. Die porträtierte Figur ist schillernd, das trägt. Und über all der Aufarbeitung von Stasivergangenheit schweben dazu noch ganz wahrhaftige Momente des Lebens, des Alterns, der Freude, der Ängstlichkeit vor dem Selbst, der Leugnung und der souveränen Selbstironie. Keine Hollywood-Geschichtsaufarbeitung, aber dadurch um so wahrhaftiger.
Annekatrin Hendel im Berlinaleprogramm:
„Dieser Film ist kein Enthüllungs- oder Rechtfertigungsfilm, sondern einer über die Zerrissenheit eines deutschen Literaten, der mit seinen Werken durchaus prägend wirkte. Paul Gratzik ist in Widersprüchen zu Hause. Jede Auseinandersetzung mit Paul Gratzik ist gleichzeitig eine große intellektuelle und emotionale Herausforderung. Ich konfrontiere die Zuschauer mit den alten und neuen Ideen meines ungewöhnlichen Protagonisten, so verwickelt, spannend, leidenschaftlich und manipulativ, wie ich sie seit über 20 Jahren von ihm kenne. Und der Film erzählt von der privaten Person Paul Gratzik, die nicht der ,unauffällige‘ Stasizuträger war, wie wir ihn aus Geschichtsbüchern und Filmen kennen, sondern charismatisch, pompös, schroff und charmant.“
Nach dem Film gab es eine kleine Welle der Empörung: Paul Gratzik war vor Ort und beantwortete Fragen aus dem Publikum. Dabei trat etwas zu sehr die Rolle des charmanten Lebemanns und gläubigen Kommunisten hervor, was von einigen Zuschauern heftigst beanstandet wurde. Wobei gleichzeitig nicht der Film an sich, sondern die Art und Weise wie in dem Moment der Person ein Forum geboten wurde. Ein sehr gutes, differenzierendes Publikum, gute Fragen, etwas Kontroverse. Gute Antworten von Annekatrin Hendel und schön, nach dem Film noch einen realistischen Eindruck von Paul Gratzik zu bekommen.
Der Film kommt im Herbst 2011 in Deutschland in die Kinos und wird sicher auch irgendwann auf arte laufen.
Website zum Film: vaterlandsverraeter.com
