Archiv der Kategorie Gesellschaft
re:publica 2013 – subjektiver Kurz-Rückblick.
War natürlich wie immer total gut. Die Vorträge wie immer auch nur mal solala, aber thematische Inspiration erkennt man ja meist erst später, wenn daraus etwas fruchtet. Beispielsweise gärt bei mir der Gedanke, sich stärker mit Robotern aus kultureller Perspektive zu widmen. Vielleicht ein Roboter-Blog.
Für mich war dieses Jahr die re:publica des Im-Nachhinein-Vorträge-auf-Video-Ansehens. Wieder konnte ich mich jobbedingt nicht alle drei Tage voll auf die re:publica einlassen. Ein starker Eindruck, der mir auch nach einigen Tagen noch bleibt, und den ich auch von anderer Seite gehört habe, ist der Vergleich der re:publica mit dem Kirchentag. Da sitzt man also in großen Hallen, hört sich die Predigten von Internetauskennern an die Internetgemeinde an. In den großen Räumen verhallen die Reden, während man selber auf seinem Telefon wie in einem kleinen Gesang- oder Gebetbuch blättert und auf Twitter scannt, was die Gemeinde gleichzeitig auf den anderen Veranstaltungen erlebt. Sehr viel Frontalpredigt. Sehr viel Powerpoint. Dadurch nicht gerade sehr viel inhaltliches Engagement.
Ich hoffe ja seit Jahren darauf, dass die Vortragenden auf der re:publica einmal neue Präsentationsformen finden und ausprobieren werden, die über (mehr oder minder sehenswerten) Powerpointcharts und so minimalen Interaktionskonzepten wie Fragen aus dem Publikum am Ende des Vortrags hinaus gehen. Alles muss man selber machen. Machen.
Schön war die re:publica aber natürlich trotzdem. Michael Kreil hat hier eine Programmübersicht mit allen re:publica 2013 Videomitschnitten bereit gestellt. Da hat man bis Weihnachten zu tun.
PS: Diese Session der Ironblogger Blogs und Bier? Das lob’ ich mir! (YouTube Link) war eine der Besten, die ich auf der re:publica gesehen habe. Auch wenn ich das Thema schon kannte: Straight durchmoderierte und solide vorbereitete Gruppenveranstaltung, ansehnliche visuelle Unterstützung durch wenige Charts, frei sprechende Teilnehmer. Lebendige Publikumsinteraktion. Bier. Was will man mehr? Die Ironblogger Deutschland suchen laufend neue Verbündete.
Ich finde …
… vor dem Hintergrund der aktuellen Mediendebatte zu Sexismus ist das Beste, was frauenbewegte Männer tun können, in jedem Männergespräch, das auch nur den Anschein macht, die Kurve ins Frauenverachtende zu nehmen, klar zu artikulieren, dass das gerade sexistische Scheiße ist. Denn: Klare Ansage höhlt den Stein.
Das habe ich mich früher viel öfter getraut. Dort wo mir die Freunde wichtig waren. In der letzten Zeit viel zu selten. Ich bin früher beispielsweise aus ganz angenehmen Kneipenrunden mit Freunden einfach weg gegangen, ohne auszutrinken, wenn einer am Tisch von seiner neuen Bettgeschichte erzählte und es dieses bestimmte Gschmäckle hatte. Noch viel früher, Mitte der 1990er in Berlin-Mitte, wir waren zu dritt, junge, naive Studierende nur, und schon beim dritten Bier platze mir die Hutschnur. Ich habe den beiden gesagt, dass diese Art von Gespräch nicht geht, bin mit dem Rad nach Hause gefahren, wie auf der Flucht. Mir war zum Kotzen, auch ohne gelernten Genderdiskurs. Mit einem davon wohnte ich in einer WG, beinahe Grund, die WG aufzulösen, es wurde folglich also noch gepflegt ausdiskutiert. Vermutlich war diese Bauchreaktion von mir damals der Grund, warum wir drei uns irgendwie immer noch wichtig sind. Die beiden haben sich geändert, oder naja, sie haben sich reflektiert.
Mittlerweile habe ich mich an Alltagssexismus in meinem Alltag gewöhnt und ich sage meistens nichts mehr. Dadurch bin ich Teil davon. Das möchte ich nicht.
Wir Menschen lernen voneinander. Wir müssen uns ständig neu eineichen. Wenn eine/r oder auch mal zwei.drei in diesen Runden nicht mitlachen (oder schweigen!), sondern laut aussprechen, warum das überhaupt nicht witzig ist, dann lachen sicher auch gleich zehn nicht mit und der blöde Arsch steht da.
Zusammenfassend: Viel zu selten. Ich möchte in Gesprächsrunden zukünftig immer sexistische Äußerungen problematisieren.
PS: Und vor der eigenen Tür kehren muss man immer auch, aber das ist eine andere Geschichte.
Wir haben jetzt auch Creepercards zu Hause
An unserem Esstisch in der Küche wurden jetzt Regeln eingeführt in Form von selbstgemalten Zetteln an der Wand. Es ist ein erster Ansatz, den Kindern so etwas wie “Demokratie” beizubringen und sich auf ein gemeinsames Regelwerk zu einigen. (Für mich persönlich wäre es in diesen Tagen auch ein Vorschlag, wie man das Creepercards-Gate hätte insgesamt anders angehen können (Hurra, ich verlinke das erste mal seit 2003 Fefe!): Gemeinsam sich auf Spielregeln einigen, statt konfrontativ zu werden und sich die eigenen Betonköpfe einzurennen. Das aber nur am Rande von einem unbeteiligten Beobachter aus der Ferne.)
Zu den Regeln. Die 6 Tischgebote im Hause, die übrigens auch für Besuch gelten:

1. Kacke-sagen am Tisch verboten. Auch keine sexistische Kackscheisse.

2. Schubsen am Tisch verboten.

4. Lebensmittel schmeißen während des Essens (hier in Form einer Spiralnudel) verboten.

5. Daumenlutschen am Tisch verboten.
Ich bin mir sicher, in den nächsten Wochen wird das Regelwerk noch verfeinert. Ellenbogen, Schmatzen und Popeln werden zügig hinzukommen. Aber auch wir Eltern werden uns noch umsehen: Den anderen nicht ausreden lassen? Verboten. Wörter, die die Kinder nicht hören sollen ausbuchstabieren? Verboten. Ironie und Sarkasmus? Verboten. Während des Essens ins iPhone schauen? Verboten. Demokratie fordert ihre Opfer.
Ich bin stolz auf meine Tochter, welche sofort wusste, wofür das ihr geschenkte Barbie-Bügelbrett nützlich sein kann. twitter.com/worldwidewoelf…
— René Wölfl (@worldwidewoelfl) Januar 2, 2013
Man kann so viel von der nachkommenden Generation lernen. Mir scheint viel zu häufig, dass sich die eigene Generationssphäre zu sehr um sich selbst dreht. Gefangen in der eigenen Echokammer. Kaum ein Ohr für Ältere sowie Jüngere. Ich freue mich schon sehr auf die Zeit, wenn mir meine Kinder endlich das Internet, Online-Gaming und den ganzen anderen Kram nochmal aus der anderen Richtung beibringen.
Trends sind ja ein sehr flüchtiges Erzeugnis unserer Zeit. Was ist das nächste neue Ding? Wer kann welches Buzzword im nächsten Pitch mit der Essenz eines Trends ausfüllen? Zu jedem Jahreswechsel schleudert jeder eine handvoll Trends hinaus als Wettervorhersage für das neue Jahr. Ich beobachte das mit großem Interesse. Man kann selber seinen Horizont abgleichen, sehen, wer sich mit 4 Jahre alten Trends versucht am Markt zu positionieren, wer an Trends aus dem letzten Jahr festhält (weil das Neugeschäft in der Richtung Platz für Phantasie lässt) und wer wirklich neue Trends aufspürt, die dann in 2-4 Jahren in jedermanns Munde sein werden.
In diesem Jahr ist mir von all diesen Jahreswechsel Trend-Artikeln wenig hängen geblieben. Nur einer: Josh Miller hat seine jüngere Schwester, die in die 10. Klasse geht, befragt, wie sie und ihre Leute Internet, Mobile und Social Networks nutzt. Einge lesenswerte Insights und Gedanken, die vielleicht nicht die Trends für 2013 sind, aber erahnen lassen, wohin die Reise gehen könnte.
Auch beruhigend zu lesen: 5 Trends, die man 2013 getrost ignorieren kann. Darunter QR-Codes (immer noch?!), Big Data (das ging schnell), BYOD, Gamification (endlich!) und Consumer Internet Companies.
Alles Gute für 2013. Zankt Euch nicht so viel.
Haus am Meer.
Zurück in Deutschland. Zurück vom Meer. Der Urlaub ist zu Ende und auf der Autobahn von unserer letzten Übernachtungsmöglichkeit zurück nach Berlin hätten wir beinahe darüber diskutiert, ob wir nicht doch ein Haus besitzen wollten. Ein nettes Einfamilienhaus, um das man herumlaufen könne, oder zumindest eine Doppelhaushälfte. Wir hätten darüber diskutiert, wie viel Arbeit so ein Haus macht – und erst der Garten. Besitz schluckt Zeit und macht Arbeit, schafft aber auch die Illusion von Sicherheit, gar Geborgenheit. Wir hätten gemeinsam einen geeigneten Ort für das Haus finden müssen. Urban, aber auch ländlich, mit einer netten Community, aber ohne soziale Verpflichtungen, inspirierenden Nachbarn, einer guten Schule, einem Offenstall in der Nähe (für das Pferd), einem Off-Kino und drei-vier vernüftigen Kneipen und einem guten, französischem Restaurant im Kiez. Ach, und wenn schon, dann würden wir ja sowieso auch La Mer in unseren Alltag integrieren wollen. Für das Meer geht man Kompromisse ein.
Zum Glück haben wir nicht darüber diskutiert, sondern verdrängt und als Podcast dieses ARD Radio Feature über den Gaddafi-Clan in Deutschland und Österreich angehört. Eine herrlich erschreckende Räuberpistole über Geld, Macht, Politik und Öl.
Urlaubsfotos folgen eventuell später.
Film: Work Hard – Play Hard

Work Hard – Play Hard, Deutschland 2012; Regie: Carmen Losmann; gesehen am 20.4.2012 im Eiszeit-Kino
Und dann war da noch dieser soziologische Dokumentarfilm über die moderne Arbeitswelt in Konzernen, der ein durchaus interessanter und ästhetischer Dokumentarfilm ist, aber meine Erwartungshaltung etwas enttäuscht hat. Vielleicht lag es aber auch weniger an dem Film, als an dem Publikum, das zum größten Teil offensichtlich nicht in dem Film dargestellten Arbeitsumfeldern tätig ist. Sprich: bei jedem ungewohntem Anglizismus aus der Corporate Speak der modernen Konzernwelt, musste sich erstmal schlapp gelacht werden. Man hat ja einen ach so distanzierten Blick auf diese fremde Arbeitswelt. Das hat arg gestört.
Der Film ist nicht lustig, das hat die Kritik in der taz sehr richtig erkannt:
Die einzige Ironie, die aus „Work Hard – Play Hard“ ersichtlich wird, ist die, dass ausgerechnet die Rituale der Optimierung, die hier zu sehen sind, selbst häufig den Eindruck des Redundanten machen. Triviale Diagramme auf Flipcharts scheinen einen wichtigen Teil aller Unternehmens(berater)kulturen auszumachen: Engagement wird da bedeutungsschwer in „rational“, „emotional“ und „motivational“ aufgefächert (dass der Begriff auch noch eine ganz andere Semantik hat, muss dabei verdrängt werden). Dokumentarfilm Work Hard Play Hard: Arbeit 2.0 – taz.de
Denn darum geht es eigentlich: Der Film ist eine ethnologische Beobachtung, die eine mehr oder weniger versteckte Ideologiekritik ausüben möchte. Ganz wie wenn ein früher Ethnologe ein fremdes Volk dokumentiert und zwischen den Zeilen (eventuell auch ungewollt) die Überlegenheit der westlichen Kultur bestätigt, taucht die Filmemacherin in für sie unbekannte Konzernwelten ein. Mein Vorwurf wäre nun, dass Carmen Losmann in ihrer Dramaturgie, also der filmischen Sortierung der Beobachtungen, Ideologiekritik am Kapitalismus immer wieder an die Wand fährt. Sehr gute Detailbeobachtungen werden immer wieder so aufgelöst, dass das Publikum lachen muss. Das ist Schade, denn ja, vieles Gezeigte hat religiöse Züge und erinnert an die für unsere Augen Hilflosigkeit des Cargo-Kultes. Doch eine reflexive Auseinandersetzung damit, dass das was wir da sehen nicht ein fremdes Volk, nicht ein distanziertes Beobachtungsobjekt ist, sondern Teil und Prägung unserer poststrukturalistischen Gesellschaft ausmacht, bleibt unterbelichtet.
Mit seinem ruhigen, zurückhaltenden Stil, der erkennbar durch die Arbeiten Harun Farockis beeinflusst ist, gelingt dem Film eine beunruhigende Bestandsaufnahme des „Kapitalismus als Religion“, wie Walter Benjamin das einst nannte. Losmann verzichtet auf jeden Kommentar – das erledigen schon die von ihr Porträtierten selbst, wie jene Analystin, die sich nicht in die Kamera zu sagen scheut, sie wolle die Vorgaben „nachhaltig in die DNA jedes Mitarbeiters einpflanzen“. (faz.net)
Bei den Stichworten “Kapitalismus als Religion” oder auch “Arbeit als Freizeit” würde es eigentlich erst interessant werden. Der Film kommt über eine Bestandsaufnahme jedoch nicht hinaus. Angestellte werden als Arbeitsmaterial dargestellt (was sie für Unternehmen ja auch sind). Aber kein Perspektivwechsel findet statt, sie werden nicht als Menschen portraitiert. Dadurch hat Carmen Losmann in diesem Dokumentarfilm auf die Angestellten und Protagonisten den gleichen distanzierten Blick, den Unternehmen einnehmen.
Durch einen Perspektivwechsel – etwa eine Beobachtung einzelner Mitarbeiter in anderen, privaten Kontexten – hätte zum Beispiel deutlich werden können, dass sich die Protagonisten ganz bewusst darüber sind, was sie für eine Rolle im Konzern spielen, sich an die sprachlichen Akzente der Corporate Speak – die für einige Ohren albern klingen mögen – auch gern anpassen, und die von Außen scheinbar sinnlosen Rituale als durchaus legitim anerkennen.
Jedoch genau wie Unternehmen Veränderungsprozesse über die Köpfe ihrer Angestellten hinweg planen, dramaturgisiert die Filmemacherin über die Köpfe ihrer Protagonisten hinweg. Besonders schön gelingt dies in der Schlusssequenz, wo nachträglich am Schneidetisch per Digitalzoom über eine wartende Frau hinweg gezoomt wird auf die Wand der Lobby, die ein Muster aus Byte-Kombinationen darstellt. Nun ist auch dem dümmsten Zuschauer die Botschaft des Films klar: “Alle Mitarbeiter werden in Bytes erfasst, alle Menschen sind hier nur Einsen und Nullen.” Die Filmemacherin verpflanzt quasi ihre Botschaft in die DNA des Zuschauers. Bei solchen filmischen Stilmitteln fängt für mich persönlich ja Propaganda an.
Da zum Beispiel ist dann Harun Farocki um einiges tiefgreifender, selbstreflexiver und geschickter was analytische Bildsprache und poststrukturalistische Gesellschaftskritik angeht.
Trotzdem guter Film. Lohnend. Pflichtlektüre quasi. Und dazu als Nachbereitung den Poststrukturalismus Podcast von Tim und Gregor anhören.
Poesie der Finanzkrise
“GELD”
aus der Financial Times Deutschland, März 2012
Marker auf Papier / 2012
Auf dem Blog Economic Words sammelt die Berliner Künstlerin Anke Becker Zeitungsausschnitte und destilliert die in der Nachrichtensprache der Finanzwelt verborgene Poesie.
“Gibt es eine verborgene Schönheit hinter den täglichen Nachrichten aus der Welt der Finanzen und der Ökonomie? Auf meinem Blog Economic Words kommen versteckte Nachrichten jenseits von Kapitalflüssen, Börsennotierungen und internationalen Geldverschiebungen zum Vorschein.” (Anke Becker)
Ich finde, das ist ein schöner Ansatz, ausgetretene Gebrauchssprache mit ihren wiederkehrenden Versatzstücken zu konterkarieren. Zitat, Mashup, Destillat. Reduktion auf das Wesentliche ist auch eine Frage der Perspektive: economicwords.com
Kein Alkohol. Die letzten 14 Tage.
Die kurze, selbst auferlegte Fastenzeit ist vorbei. Ich habe vier Wochen keinen Alkohol getrunken. Nach 14 Tagen hatte ich darüber schon einen Blogartikel geschrieben, der – für mich doch auch sehr überraschend – ziemlich viel blödsinniges und größtenteils sehr krudes Feedback auslöste (wurde drüben bei Falk Schreiber gut zusammengefasst). Die Kommentare kamen hauptsächlich von Leuten, die teilweise sehr vehement geltungsbedürftig, keinen Alkohol trinken und meine persönlichen Notizen in die unterschiedlichsten Richtungen interpretierten. Schnell wurde die Diagnose gestellt, ich sei süchtig. Und dass 14 Tage ja nun nichts seien und was ich mir denn herausnehme, mich so wichtig zu machen. Und dass ja übrigens alle Leute, die Alkohol trinken, ziemlich arme Würstchen sind.
So was ist sehr spannend! Durch so etwas kann man an eigener Haut erleben, wie das Mainstream-Internet in Deutschland so tickt. Und ich weiß, die Kommentatoren waren im Vergleich zu anderen Diskursen ja noch recht handzahm. Nun, egal. Was ich gleich als erstes loswerden möchte: Ihr nichtalkoholischen Wutbürger da draußen, ihr könnt mich nicht in Euren Reihen wähnen! Das Leben ist zu kurz, um es nicht auch durch traditionelle Kulturtechniken umfassend zu genießen. Rausch ist eine der ältesten Kulturtechniken unserer Spezies und gehört zum Leben einfach dazu. Die berechtigte Frage ist natürlich, in welchem Ausmaß?
Sucht? Kommt auf die Definition an. Körperliche Suchterscheinungen haben sich mir nicht gezeigt. Ja, 14 Tage (und jetzt vier Wochen) sind keine Zeit. Ja, es gibt Leute, die machen das regelmäßig über einen Zeitraum von sechs Monaten. Ja, gibt Leute, die ihre ganze verdammte Ernährung auf kosmische Bio-Strahlung umgestellt haben, und sagen damit überhaupt gar keine Probleme zu haben. Und ja, auch das mit der Bio-Strahlung beweist: es gibt tatsächlich viele arme Würstchen – mit und ohne Alkohol.
Das Universum ist eine wundervoll schillernde Seifenblase in der wir alle unsere Berechtigung haben und jeder machen darf, was er will. In diesem Weblog hier, dreht sich halt aber das verflixte Universum um mich. Und ich habe mal einfach nur aus so einer netten Idee heraus vier Wochen keinen Alkohol getrunken. Nicht mehr, nicht weniger.
Was hat mir nun diese kurze Enthaltsamkeit gebracht? Interessant an einigen Kommentaren war, dass sie mich noch stärker über meine Alkoholgewohnheiten nachdenken lassen haben. Dafür noch mal Danke. Super waren auch die diversen Gespräche mit Freunden und Bekannten auf Partys, an Theken, im Club, beim Mittagessen und im Chat. Auf ein, “und? Was machst du so?”, einfach mal, “och, ich trinke gerade keinen Alkohol”, antworten stellte sich mehrfach als ein geeigneter Türöffner für persönliche Gespräche heraus. Einige erzählten, dass sie schon sehr ähnliche Gedanken hatten, dass aber noch nie gemacht haben und das mein Blogeintrag dahingehend einen Nerv treffe. Oder andere erzählten einfach von ihren Phasen der Abstinenz. Wieder andere wollten sich nicht mit einer Spaßbremse abgeben. Oft drehte es sich um all die Gewohnheiten und all die Gelegenheiten, die es halt so gibt. Ich bekam persönliche Mails, die mich in der Sache bestärkten und freundschaftliche Tips gaben. Aber auf der Fährte war ich ja auch schon selber, zu überlegen, wo sich bei mir Automatismen eingespielt haben, die ich verändern möchte.
Ich halte für diesen Moment fest: Vor allem wichtig ist mir selber ein gedankenvollerer Umgang mit Alkohol. Nur weil Äpfel angeblich gesund sind, esse ich ja auch nicht immerzu Äpfel. Und nur weil Alkohol angeblich die Geselligkeit fördert und entspannt, muss ich ja nicht immer Alkohol trinken.
Mein neuestes Projekt: Nie wieder Rolltreppe und Fahrstuhl nutzen. Ich bin jetzt militanter Treppensteiger. Wer rastet, der rostet! Nein zur Rolltreppe! Hernieder mit dem Fahrstuhl!!!
Kein Alkohol. Die ersten 14 Tage.
Dienstag, 27.12.2011
In der Nacht nach den Weihnachtsfeiertagen entschließe ich mich, keinen Alkohol mehr zu trinken. Zumindest für eine gewisse Zeit. Drei-Vier Wochen fasten vielleicht. Oder nennen wir es besser bewusste Abstinenz. Der erste Tag läuft super. Ich erzähle niemandem von meiner Entscheidung. Als ich zum Abendessen gefragt werde, ob Bier oder Wein, sage ich einfach, dass ich heute kein Alkohol trinken möchte und mache mir eine Saftschorle.
Mittwoch, 28.12.2011
Lange Zugreise mit den Kindern von Westdeutschland zurück nach Berlin. Nach all dem Koffergeschleppe und den Reisestrapazen an sich wäre eigentlich eine Flasche Bier am Abend auf dem Sofa nicht unangebracht. Mir fällt auf, wie viele vermeintlich gute Gelegenheiten es gibt.
Donnerstag, 29.12.2011
Habe meine Entscheidung, eine zeitlang auf Alkohol zu verzichten, immer noch nicht bekannt gegeben. Aber heute habe ich mein Coming Out. Während eines Smalltalks mit der Nachbarin auf dem Treppenabsatz, während sie uns ein Pony schenkt, kommen wir auf Silvester zu sprechen und was wir so planen und machen werden. Da erzähle ich auch, das ich Silvester und überhaupt ein paar Wochen nichts trinken werde und sie sagt, dass das ja durchaus auch mal Sinn macht, man dann auch viel ausgeruhter ist, es ja auch andauernd Gelegenheiten gibt und man ja so auch mal ganz bewusst mit der Gewohnheit bricht und dass das toll sei und ich alles richtig mache. Der letze Hinweis irritiert mich. Ich sage, “ach naja, man weiss ja nie, was richtig ist”. Dann widme ich mich den Rest des Nachmittags dem Pony. Abends dann nach einer Woche Weihnachten bei der Familie endlich wieder unter normale Menschen: erst zur 0. Spackeriade, dann eventuell noch beim Chaos Communication Congress vorbei. Ich halte mich an Kaffee, Mate und alkoholfreiem Bier fest. Dem einen oder anderem erzähle ich auf Nachfrage, dass ich jetzt mal keinen Alkohol trinke. Das gibt aber deswegen kaum Diskussion. Hat da ja jeder so seinen kritisch-individuellen Hacker-Lebenstil. Kann ja jeder machen wie er will. Doch eine Sache irritiert. Jemand, den ich vom Biertrinken mit Michi kenne, prophezeit eine lange Nacht, als er mich sieht. Vermutlich ist das nett oder gar anerkennend gemeint. Hadere mit Selbstbild und Fremdbild. Es wird eine Nacht, in der ich nüchtern nach Hause fahre und mich über die quatschigen Dialoge der betrunkenen Zehelndorfkinder im Nachtbus amüsiere.
Freitag, 30.12.2011
Irgendwas mit Saftschorle. Das kann so nicht weitergehen. Ich muss mich bei Gelegenheit mal um irgendwie interessantere nichtalkoholische Getränke kümmern.
Samstag, 31.12.2011
Silvester ohne Alkohol? Klar geht das! Na gut, ein Glas Sekt um Mitternacht zum Anstoßen, man ist ja kein Unmensch. Gespräch über Alkoholabstinenz am Tisch bekommt interessanten Spin. Alle erzählen, in welchen Situationen sie trinken, dass es viel zu viele Gelegenheiten und gesellschaftliche Rituale rund um Alkohol gibt und ja auch gerade, wenn man am Theater arbeitet.
Sonntag, 1.1.2012
Neujahr. Interessant zu merken, was von einem üblichen Kater übrig bleibt, wenn man zwar nüchtern, aber übermüdet ist. Einige angenehme Nachwirkungen einer langen Nacht, die ich dem Alkohol zugeschrieben hatte, liegen eigentlich an euphorisierter Müdigkeit. Das muss ich mir merken.
Montag, 2.1.2012
Erster Arbeitstag im neuen Jahr. Das Feierabendbier fehlt mir. Eine blöde Angewohnheit, die eher ein Automatismus ist. Um stattdessen in einen Feierabendmodus zu kommen, stehe ich 5 Minuten auf dem Balkon und atme mal durch.
Dienstag, 3.1.2012
Auf dem Rückweg von der Arbeit freue ich mich, dass ich nun 14 Tage keinen Alkohol getrunken habe. Auf dem Rad bereite ich in Gedanken schon einen lustigen Blogpost dazu vor. Als ich zu Hause den Computer anschalte und in den Kalender schaue, merke ich, dass ja erst eine Woche rum ist. Bin verwundert, warum mir das so lange vorkam.
Mittwoch, 4.1.2012
Kann kein alkoholfreies Bier mehr sehen.
Donnerstag, 5.1.2012
Überlege, ob ich eigentlich besser schlafe, seitdem ich keinen Alkohol mehr trinke. Schwer zu sagen. Vielleicht bin ich ein klitzekleines bisschen weniger miesepetrig am Morgen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich einfach früher ins Bett gehe.
Freitag, 6.1.2012
Treffe einen Freund. Wir richten seinen neuen Rechner ein und trinken Tee. Es ist ein Leben auf der Überholspur.
Samstag, 7.1.2012
Es gibt zum Abendessen sehr leckeres Lammfleisch, zu dem eigentlich ein guter Rotwein perfekt wäre. Bin kurz davor, mir auch ein Glas einzuschenken, bin dann aber doch willensstark. Es ist merkwürdig: Sobald ich mich bewusst gegen den Alkohol entschieden habe, fokussieren sich mein Gedanken auf etwas anderes und das Verlangen ist weg. Reine Willens- und Kopfsache oder doch auch sanfte Sucht?
Sonntag, 8.1.2012
Michi schickt am Abend eine DM, ob Bier? Ach, ich hätte schon Lust, mit Michi ein Bier zu trinken. Das bleibt ja aber nie bei einem Bier, also gehe ich früh mit Comicbuch und Orangensaft ins Bett. Wecker klingelt versehentlich schon um 5 Uhr morgens. Lese Comic zu Ende, fühle mich sehr ausgeschlafen.
Montag, 9.1.2012
Werde am Abend – statt zum Webmontag – spontan zu einer “Weinprobe” im Martin Gropius Bau mitgenommen. Befürchte, dass eine Weinprobe ja nun der wirklich falscheste Ort ist, um Alkoholabstinenz zu üben. Denke aber auch, bei einer richtigen Weinprobe gibt es Näpfe, um den Wein auszuspucken. Wer sagt, dass ich bei meiner selbstgebauten Fastenzeit nicht kosten darf. Schmecken ja, aber nicht schlucken! Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Event um eine Finissage handelt, zu der unter anderem zwei Weine vom Großhandels-Sponsor der gefeierten Ausstellung gereicht werden. Keine Weinprobe, wie man sich das so vorstellt. Trinke ungefähr 2 Liter Apfelsaft. Beobachte Politiker und Kulturattachés beim Sponsorenweintrinken. Denke mir meinen Teil. Gehe zeitig nach Hause.
Dienstag, 10.1.2012
Nun sind also die ersten 14 Tage vergangen. Ich notiere mir hier ein paar persönliche Eindrücke, die vermutlich vollkommen banal oder normal sind. So normal, wie der (sanfte) Alkoholismus unsere gesamte Gesellschaft durchzieht. Ich glaube, es liegt weniger an den Freunden, mit denen man sich umgibt. Es ist vielschichtiger und es liegt an all den gesellschaftlichen Ritualen und letztendlich an unserer Kultur. Ich muss auch an einen Kumpel denken, der nach einem halben Jahr Indien zurückkam und auch keinen Alkohol mehr trank. Mir kam das damals fast undenkbar vor. Heute ist es für mich tatsächlich gar nicht so ein großer Verzicht. Es ist ein bewusster Perspektivwechsel und ich bin gespannt, ob da in den kommenden 14 Tagen noch weitere Erkenntnisse hinzu kommen.
Telefonisch erreichbar gewesen. Wie immer.
Tage, wie dieser, die man sich vorgestellt hat, wenn man vormals Gleichaltrige mit grauen Haaren gesehen hatte, und sich dachte, das käme sicher vom Stress in der Agentur.
Die Erkenntnis, dass der Durchbruch mit dem mobilen Internet und den Touchpads und iPhones und all dem Zeug gerade erst anfängt. Nämlich jetzt gerade an dem Punkt, an dem sich unsere Elterngeneration langsam einredet, dass sie diese schicken Geräte auch brauchen und nach wenigen Tagen Nutzung schon Thesen zu psychologischen Wahrnehmungsverschiebungen und sich verändernden Gesellschaftsdiskursen formulieren.
“I love it – it is very exciting. It’s a wonderful way of finding out about things. But I must say it’s a dreadful waste of time. I’m sure there are lots of other things I should be doing rather than playing on a computer.” (Meet the iGran: 103-year-old Lillian becomes world’s oldest Facebooker (and updates from her iPad))
“Familie.” (Von links nach rechts: kleiner Bruder, Vater, große Schwester, Mutter, Katze)
Individualisierung und Distinktion.
Autobahngedanken. Am Wochenende auf der Autobahn haben wir uns über die Anderen unterhalten. Diese Anderen, die Aufkleber vom Fusion Festival auf ihren rostigen Panda kleben. Die, die eine Sylt-Silhouette auf ihr Cabrio kleben. Oder die, mit dem “Free Tibet” Sticker, damit der getunte Golf geerdet ist. Baby on Board auf den Kombis und Pinups auf dem Kleintransporter, die Individualisierungsindustrie fängt bei Kleinigkeiten wie Autoaufklebern oder lustigen MacBook-Skins an und ihr kennt das ja aus eigener Erfahrung, wo das dann endet. Um bei dem Autobeispiel zu bleiben. Egal, wie individuell wir unser Auto variieren, wir fahren im übertragenden Sinne alle Auto und stellen das übergeordnete Konzept, überhaupt ein Auto zu besitzen, auf das man einen Aufkleber kleben könnte, dabei überhaupt nicht in Frage.
Neulich im Kurzurlaub. Im Zivilluftschutzbunker auf Helgoland bekam man einen guten Eindruck davon, wie es wohl war, zusammengedrängt mit lauter Fremden auf so engem Raum. Und dass man sich lieber nicht vorstellen will, wie die Bunkersituation mit Mitgliedern unserer heutigen Gesellschaft ablaufen wird. Individualisten und Egoisten, Diven und vom Kapitalismus geprägte Kämpfernaturen zusammengedrängt auf engstem Raum. Das wird bestimmt lustig, so oder so. Katastrophen und so was ähnliches sollen die die Menschen ja zusammen bringen und vereinen, sagt die Kerndramaturgie eines jeden Katastrophenfilms. Aber kann man sich da so sicher sein, dass das nicht in die entgegengesetzte Richtung Zombiefilm-Dramaturgie kippt? Gerechtigkeit als Überlebensstrategie.
Individualisierung und Distinktion treibt uns in die Arme von Internet und Social Media. Dort können wir “ich” sein, uns unverbindlich miteinander verbinden und uns von den anderen abheben. Damit, dass wir das Internet als unser Biotop deklarieren unterstützen wir die Individual-Gesellschaft und – oha – letztendlich den Kapitalismus. Nichts gegen Geld und Konsum, aber …

(Photo “Zombie Walk 2010″ by rodolphoreis)










