Archiv für Filmfestival
Berlinale 2013
Zu Beginn der diesjährigen Berlinale am Donnerstag vor einer Woche las ich im Büro eine Tageszeitung und dort wurde Wong Kar Wai, das diesjährige Jury-Leittier, zitiert mit der Vorgabe, dass dieses Jahr die Jury nur über die positiven Dinge der im Wettbewerb stehenden Filme streiten und diskutieren möge. Das habe ich mir als wertvolle Vorgabe für meine Berlinale beherzigt. Alles erstmal tolle Filme und tolle FilmemacherInnen. Und es passte. Wieder habe ich mich nicht (wie früher) immer wieder über Filme geärgert *nörgel*. Ich habe mich auf die Filme eingelassen. Auch auf die Wartezeiten zwischen Filmen, und auf die *erstmal* nervigen Gespräche am Rande, aus denen dann doch netter Smalltalk oder zumindest so etwas wie diese diffuse “Berlinalegemeinde” wird.
“Sind sie einer von diesen Freaks, die hier rund um die Uhr im Einsatz sind?” wurde ich von meiner Sitznachbarin gefragt. Ich verneinte. Ich sei nur so aus Spaß hier. Weil mir die Atmosphäre gefällt. Endlich fühle sich Berlin mal an wie eine Metropole, man säße andauernd neben so interessanten Menschen und überhaupt. Wir haben uns dann noch über diesen und jenen Film unterhalten. Es stellte sich heraus, dass sie eigentlich eine von den Publikumsvorkaufsfreaks war, die quasi rund um die Uhr im Einsatz sind, um irgendwie an eine Karte zu kommen.
Dieses lästige Vorverkaufsgerangel ist mir ja nichts. Oder gar der Akkreditiertenstrich morgens um 7 Uhr? Ich bin wie letztes Jahr, einfach da wo es zeitlich passte an die Tageskassen gegangen und habe dort geschaut, was mich interessiert und was dann noch als zeitliche Füllfilme geht. Damit bin ich dieses Jahr wieder sehr gut gefahren. Pressekonferenzen und Partys gehören zwar irgendwie auch dazu, aber dafür müsste ich Urlaub nehmen. Ich finde das schön, wenn sich Leute aus unterschiedlichsten Dings treffen, um Filme zu sehen und drüber zu quatschen. Und spannend, wie wichtig sich jeder immer findet. Alles Diven. Damit komme ich klar. Vorneweg natürlich ich, als langjähriger, regelmässiger Berlinale-Gänger (seit 1994, in unterschiedlichsten Akkreditierungsstadien, hohoho, da kann man was erzählen … ) über die langjährige Kartenverkäuferin im Cinestar bis hin zur “Lassen sie mich durch, ich bin Berlinale-Kinderreporterin vom Tagesspiegel”. Super! In so einer Atmosphäre kann ich atmen.
Dazu kommt für mich sicher auch die Änderung, mein Filmtagebuch nicht mehr so sklavisch führen zu wollen, wie ehemals. Ich muss nicht mehr jeden Kinofilm oder auch nur jeden blöden TV-Film, bei dem ich auf der Hälfte eingeschlafen bin, sofort verbloggen. Und es tut auch dieses Jahr zur Berlinale verdammt gut, nicht schon morgens beim Aufwachen den Druck zu haben, über die Filme die man gestern gesehen hat – und ach vorgestern erst – noch schreiben zu müssen und erst recht noch über die Filme, die man heute noch sehen wird. Respekt vor denen, die das schaffen! Alleine wie man Filme schaut, ohne drüber schreiben zu müssen. Nicht schon während des Sehens drüber nachdenken, was man da jetzt schon wieder zu schreiben soll. Sondern. Flow.




14 schöne, wichtige, sehenswerte Filme. Nein eigentlich 15, mit dem Piratebay-Film “TPB AFK” (YouTube Link), den ich berlinale-erkältet mit Fieber im Bett auf dem Handy gesehen habe.
Berlinale 2012





Für Zuspätkommende kein Einlass. Das war eine schöne Berlinale dieses Jahr. Alle Filme waren zumindest interessant. Nichts dabei, worüber ich mich ärgern musste. Öfter mal netten Small Talk mit Unbekannten im Nebensessel gehabt.
[Berlinale 2011] Film: Vaterlandsverräter

Vaterlandsverräter Deutschland, 2011; Regie: Annekatrin Hendel :::: gesehen am 14.2.2011 in Perspektive Deutsches Kino
So geht der Film los … (YouTube Direktlink)
… und schon nach zwei Minuten ist man gebannt und will mehr wissen von dieser Person, die sich da so weit aus dem Fenster hängt. Annekatrin Hendel nähert sich in ihrem Dokumentarfilm dem Schriftsteller Paul Gratzik, der in der DDR 20 Jahre als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gearbeitet hat und 1981 seine Spitzeltätigkeit offenbarte. Der Film ist eine sehr spannende Gradwanderung zwischen persönlichem Porträt und Deutscher Geschichtsaufarbeitung. Auch hier gilt mal wieder: das Private ist politisch. Und eine Pauschalisierung, eine einfache Erklärung auf die neugierig gestellte Frage, wie und aus welcher Motivation kamen Literaten in der DDR zur Staatssicherheit, wird der Film nicht geben. Aber wir lernen Paul Gratzik kennen. Ein Kind aus armen Hause, ein Lebemann, ein Liebhaber, ein Charismatiker, ein überzeugter Kommunist, ein Säufer, ein Literat, ein Bauernschlauer, der sich mit Frauen, dem Kulturbetrieb und dem Staat arrangiert. Es ist ein Gemenge aus dem großen Ganzen der Weltgeschichte und dem Individuum in seiner Zeit. Das sind sehr weite Klammern, die der Film aber souverän zu schließen weiss.
Es ist der Inhalt, aber vor allem auch die sensible Kamera, und der didaktische Schnitt, welche den Film für mich so sehenswert gemacht haben. Die porträtierte Figur ist schillernd, das trägt. Und über all der Aufarbeitung von Stasivergangenheit schweben dazu noch ganz wahrhaftige Momente des Lebens, des Alterns, der Freude, der Ängstlichkeit vor dem Selbst, der Leugnung und der souveränen Selbstironie. Keine Hollywood-Geschichtsaufarbeitung, aber dadurch um so wahrhaftiger.
Annekatrin Hendel im Berlinaleprogramm:
„Dieser Film ist kein Enthüllungs- oder Rechtfertigungsfilm, sondern einer über die Zerrissenheit eines deutschen Literaten, der mit seinen Werken durchaus prägend wirkte. Paul Gratzik ist in Widersprüchen zu Hause. Jede Auseinandersetzung mit Paul Gratzik ist gleichzeitig eine große intellektuelle und emotionale Herausforderung. Ich konfrontiere die Zuschauer mit den alten und neuen Ideen meines ungewöhnlichen Protagonisten, so verwickelt, spannend, leidenschaftlich und manipulativ, wie ich sie seit über 20 Jahren von ihm kenne. Und der Film erzählt von der privaten Person Paul Gratzik, die nicht der ,unauffällige‘ Stasizuträger war, wie wir ihn aus Geschichtsbüchern und Filmen kennen, sondern charismatisch, pompös, schroff und charmant.“
Nach dem Film gab es eine kleine Welle der Empörung: Paul Gratzik war vor Ort und beantwortete Fragen aus dem Publikum. Dabei trat etwas zu sehr die Rolle des charmanten Lebemanns und gläubigen Kommunisten hervor, was von einigen Zuschauern heftigst beanstandet wurde. Wobei gleichzeitig nicht der Film an sich, sondern die Art und Weise wie in dem Moment der Person ein Forum geboten wurde. Ein sehr gutes, differenzierendes Publikum, gute Fragen, etwas Kontroverse. Gute Antworten von Annekatrin Hendel und schön, nach dem Film noch einen realistischen Eindruck von Paul Gratzik zu bekommen.
Der Film kommt im Herbst 2011 in Deutschland in die Kinos und wird sicher auch irgendwann auf arte laufen.
Website zum Film: vaterlandsverraeter.com
[Berlinale 2011] Film: !Women Art Revolution – A Secret History

!Women Art Revolution – A Secret History USA 2010; Regie: Lynn Hershman Leeson; mit: Yvonne Rainer, Judy Chicago, Guerilla Girls, B. Ruby Rich, Carolee Schneeman :::: gesehen am 13.2.2011 im Panorama
Eine Dokumentation der amerikanische Künstlerin Lynn Hershman Leeson, die sich seit den 1970ern mit Medienkunst beschäftigt. Der Film ist ein Zusammenschnitt von vielen Stunden Interview- und Gesprächsaufzeichnungen, die Lynn Hershman Leeson mit Frauen, Künstlerinnen, Akademikerinnen und Aktivistinnen des Feminist Art Movement der 1970iger gemacht hat. Einer Bewegung, die aus vielen Strömungen moderner Kunst von Frauen entstand und im Kern die Gleichberechtigung von Frauen auf dem Kunstmarkt zum Ziel hatten. Anders als andere amerikanische Dokumentationen über Film- oder Kunstströmungen von Menschen, die Teil der Bewegung waren, verfällt Lynn Hershman Leeson nicht in Legendenbildung. Der Film hat durchaus einen persönlichen Ansatz, klar. Aber er heroisiert nicht, sondern behandelt sehr selbstreflexiv die Komplexität und auch die widersprüchlichen Perspektiven der Bewegung und ihrer Protagonisten.
[Berlinale 2011] Film: El premio

El premio (The Prize); Mexiko, Frankreich, Polen, Deutschland, 2010; Regie: Paula Markovitch; mit: Paula Galinelli Hertzog, Sharon Herrera, Laura Agorreca, Viviana Suraniti, Uriel Iasillo :::: gesehen am 12.2.2011 im Wettbewerb
In der Berliner Zeitung wurde der Film als einer der ersten Kandidaten für den Goldenen Bären gewertet. Und in einem Kasten, in dem mehr oder weniger bekannte Filmkritiker Punkte für die Wettbewerbsfilme vergeben, hatte der Film von einem Punkt bis zu vier Punkten alles dabei. Kontroverses Material also, Grund genug, sich dafür zu interessieren. Der Film machte tatsächlich einen ganz guten ersten Eindruck auf mich. Merkwürdig traumartig blieb die Geschichte einer geheimnisvollen, jungen Mutter, die mit ihrer Tochter in einer Baracke in den Dünen einnistet. Die Mutter ist auf der Flucht vor dem argentinischen Militär, die vermutlich auch den Vater des Kindes festhalten, oder getötet haben. Viele eindringliche Mutter-Tochter-Momente. Aber auch immer wieder Momente, an denen ich gedanklich leider ausgestiegen bin. Aber sicher sehenswert, wenn man ausgeschlafen ist.
Aus dem Berlinaleprogramm:
„Dies ist eine autobiografische Geschichte. Die Handlung spielt an Orten meiner Kindheit, an die ich in meinen Träumen immer wieder zurückkehre. Ich kann noch immer deutlich den Klang des unaufhörlichen, feuchten Windes hören. Ich sehe den ungastlichen Strand. Die See ist gelb und grau. Stürme lassen die Mauern erzittern. Dies sind böse Zeiten. In der Schule erleben wir die überwältigende Mittelmäßigkeit des Faschismus und seiner lächerlichen Rituale. Ich bin sieben Jahre alt. Ich gehe zur Schule. Ich weiß, dass ich den anderen Kindern gegenüber meine wahre Identität nicht offenbaren darf. Man hat mir gesagt, dass das Leben meiner Familie von meinem Schweigen abhängt. Ich bin gezwungen zu lügen. Ich lüge also, genau so wie ich es tun soll. Ich schaffe es, dass man mir meine Lügen glaubt. Ich versuche verzweifelt, genau wie alle anderen auszusehen, aber nun ist meine Mutter traurig und verachtet mich. Ich bin schwach und dumm und lasse sie leiden. Was soll ich sagen? Was soll ich für mich behalten? Wie kann ich die Anerkennung meiner Mutter und der anderen erringen? In einer Welt so voller Unordnung und Angst – wer sollen wir da sein?“ Paula Markovitch
[Berlinale 2011] Film: Margin Call

Margin Call USA 2010; Regie: JC Chandor; mit: Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore, Paul Bettany, Zach Quinto :::: gesehen am 12.2.2011 im Wettbewerb
Sehenswerter Thriller vor dem Hintergrund der Finanzkrise 2008 mit prominenter Besetzung. Spannend, unkompliziert, amerikanisch-narrativ erzählt. In der visuellen Umsetzung nichts sonderlich nennenswertes, alles recht konventionell. Die Story ist gut und die Figurenzeichnung ist eindringlich. Alle Charaktere des Films sind Marionetten des Kapitalismus, die allesamt Teil eines Automatismus sind, und die zwar moralische und ethische Reflexion der Situation zeigen, letztendlich aber doch – systemimmanent – käuflich sind. Problematisch ist der Film anklagende Gestus des Films, ohne aber Schuld den handelnden Personen zuzuweisen. Die Schuldebene des Films wird irgendwo abstrakt im “System” angesiedelt. Die Rädchen im System werden sind auch nur Menschen. Das ist ja eine gern genommene Ausrede und hinterlässt eigentlich nur ein Schulterzucken.
Aus dem Berlinaleprogramm:
Der Thriller vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise von 2008 spielt in der New Yorker Wall Street – in den Büros einer bedeutenden Investmentbank während jener entscheidenden 24 Stunden, die dem Eingeständnis ihres finanziellen Bankrotts vorangehen. Hier wird dem jungen Analysten Peter Sullivan nach Durchsicht der Akten schlagartig klar, dass die Bewertungen, auf denen das Geschäftsmodell der Firma beruht, fehlerhaft sind, und dass die Aktiva im Hypothekengeschäft nicht jenen Wert besitzen, der in den Büchern ausgewiesen ist. Im Gegenteil: Sie haben das Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht. Im Laufe der Nacht verbreitet sich diese Einsicht unter den führenden Mitarbeitern, die zusammenkommen, um die Bank zu retten. Zu ihnen gehören der erfahrene Börsianer Sam Rogers, sein Vorgesetzter Jared Cohen, die Risikoanalystin Sarah Robertson sowie der Firmenchef John Tuld, der mit dem Helikopter eingeflogen wird. Er ist es schließlich, der einen Rettungsplan entwirft: Sobald am Morgen die Börse öffnet, sollen sämtliche „toxischen“ Papiere abgestoßen werden. Dies ist ein Schachzug, der nicht nur für die Wall Street verheerende Folgen hat …
JC Chandor: „Im September 2008 starb die unabhängige amerikanische Investmentbank, wie wir sie kannten. In meinem Film versuche ich, an den Erfahrungen einer kleinen Gruppe von Menschen Anteil zu nehmen, die sich im Mittelpunkt der Finanzkrise befinden, ohne dass ihnen das überhaupt klar wird. Die Maschine, von der sie ein Teil sind, ist derart groß und komplex geworden, dass niemand die zerstörerische Macht begreifen konnte, die von ihr ausging. Bis es zu spät war.“
Eröffnungsfeiern
Wieviel Publikum fasst die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz? Ausgelegt war sie laut Wikipedia ursprünglich mal für 2000 Zuschauer. Ob Umbauten das Fassungsvermögen reduziert haben, ist mir aus dem Internet nicht ersichtlich. Vermutlich hat sich die Zahl nicht sonderlich verändert.
Jetzt stellt Euch mal vor, 2000 Facebook Liker auf der eigenen Facebook Page zu bekommen. Und 200 werden noch dazu wieder weggeschickt und 10 davon gehen durch Hintertüren in die Theaterkantine, um da mal den Abend gepflegt zu beginnen. Und dann stell’ Dir vor, von deinen 2010 Facebook Fans sind alle komplett für zwei Stunden bei der Sache. Hier mal abgelenkt durch eine SMS, dort mal 3-4 Tweets eventuell. Einer geht Bier holen, der andere checkt seine Mails. Aber ansonsten hast du für 120 Minuten die Aufmerksamkeit von rund 2000 Leuten, die Teilweise auch noch Geld dafür bezahlt haben, der Sache beizuwohnen.
Wie würdest du diesen Moment nutzen?
Nun, ich kenne ein paar Leute, die mich einen Teil meines Lebens begleitet haben, die haben den Moment genutzt und gestern in der Volksbühne das interfilm Kurzfilmfestival 2010 eröffnet und danach alle 2000 Leute auf Freigetränke eingeladen. Versuch das mal mit einer Facebook Page.
Womit ich sagen möchte, dass sich vieles mit etwas Distanz relativiert und es sich schöne, neue Sichtweisen ergeben, wenn man die Chance hat, eine ehemals interne Situation neu als Außenstehender zu betrachten.
Apropos Sichtweisen: beim interfilm Festival kann man in Form von Kurzfilmen viele Sichtweisen der Welt quasi als zeitgeraffte Weltreise erleben, virale Videos auch, deutsche Kurzfilme, Clips, Animationen, Liebesfilme, und und und. Sei hiermit empfohlen.
Webcuts.10

In diesem Blog muss jetzt mal wieder was passieren. Basta!
Ich war gestern Abend auf der Preisverleihung der webcuts.10, die im Rahmen der Webinale stattgefunden haben. Dort gab es kurzformatige Internetfilme. Das habe ich genossen. Danach gab es Freibier. Auch toll.
Ganz besonders aber habe ich aber genossen, mich im Anschluss an die Preisverleihung mit einem ehemaligen Chef von mir zu unterhalten. Eine Aussprache auf Augenhöhe, über Dinge, die ich vielleicht schon mal früher hätte besprechen wollen. Und über Dinge, die ich damals so auch noch gar nicht wusste und bestimmte Sachen heute im anderen Licht scheinen lässt. Was soll ich sagen? Geht einfach öfter mal zusammen ein Bier trinken, wenn’s irgendwo knirscht.
Aber nun zu den Filmen. (weiterlesen …)
[Berlinale 2010] Tag 8
Gesehen am Samstag, 20.2.2010
Seitsemän laulua tundralta – Seven Songs from the Tundra
Finnland, 2000 – Regie: Anastasia Lapsui, Markku Lehmuskallio
Aussehen und erinnern tut der Film sehr nach frühen ethnologischen Filmen, wie etwa der Klassiker dieses Genres Nanook of the North (1922). Tatsächlich ist dieser Film aus dem Jahr 2000 aber ein Spielfilm erzählt entlang von sieben traditionellen Liedern und mit Laienschauspielern über das Leben der Nenet, eines Nomadenvolkes im nördlichen Russland. Also auf jeden Fall ethnologisch interessant. Und auch wie gern gesehen wieder die typischen Konflikte zwischen kommunistischem Herrschaftsanspruch und den individuellen Bedürfnissen einer Dorfgemeinschaft. Die Regisseurin Anastasia Lapsui, selbst gebürtige Nenet, schrieb das Drehbuch, in dem sie Legenden und ihre eigenen Erfahrungen verarbeitete
Bibliothèque Pascal
Ungarn, Deutschland, 2010 – Regie: Szabolcs Hajdu
Die Rahmenhandlung ist die einer Mutter, die um ihre Tochter wieder zu bekommen, im Jugendamt schildern muss, was ihr in den letzten drei Jahren widerfahren ist. Ihre Schilderung der Geschehnisse aus drei Jahren zieht den Zuschauer mit Macht in einen abenteuerlichen Plot, in dem Liebe, Verbrechen, Hellseherei, Auferstehung von den Toten, Frauenhandel und ein literarisches S/M-Bordell keine unbeträchtliche Rolle spielen. Der Film verpackt diese Geschichte einer alleinerziehenden osteuropäischen Mutter, die als Prostituierte in Liverpool landet, in prallbunte Bilder. Mit wunderschön kitschigen Special effects, traumwandlerisch langsamen Kamerafahrten und einem hypnotisierenden Soundtrack bringt der Regisseur das Kino dahin, wo es einmal zu Hause war: auf den Jahrmarkt; dahin, wo eine Geschichte fantasievoll und fesselnd sein darf und sich nicht mit Authentizitätsansprüchen plagen muss.
La belle visite
Kanada, 2009 – Regie: Jean-François Caissy
Diese Dokumentation eines Altersheims in einem ehemaligen Motel will keine Sozialstudie sein, sondern zielt auf einen ganz reduzierten Ansatz des Dokumentarischen: Möglichst keine Wertung, kein Kommentar zu sein, sondern nur Beobachtung. Die Bilder sind Tableaus der Entschleunigung und erzählen vom Zustand des Abwartens, von Ritualen im Alter und vom Vergehen der Jahreszeiten. Zuerst störte mich diese sehr starke Distanz, die zu den Menschen gehalten wird: keine Interviews, keine Hintergründe über das Leben der Senioren. Aber das genau will der Film. Die Bewohner des Altersheims sollen nicht Stichwortgeber für irgendwine soziologische Betrachtung sein, sondern sind Teil einer ganz unsentimentalen Elegie. Entstanden ist diese Haltung erst während der Filmarbeiten, erzählte der Regisseur.
Da bing xiao jiang – Little Big Soldier
Hongkong, China, Volksrepublik China, 2010 – Regie: Ding Sheng
Leider durch einen Druckfehler in meinem Programmheft hat das alles nicht so geklappt, wie geplant, sodass nun diese chinesische Historien-Unterhaltungsfilm mit Jackie Chan der letzte Film auf der diesjährigen Berlinale für mich wurde. Ein Soldat und sein Gefangener ziehen durch Geschehnisse in der „Zeit der Streitenden Reiche“ (475 v. Chr. − 221 v. Chr.), einer Periode der politischen Instabilität und gleichzeitig einer Blüte von Philosophie, Literatur, Kunst und Technologie in China. Der Soldat will seine Gefangenen in seine Heimat zurückbringen und die dafür übliche Belohnung kassieren. Beide Männer sind von Herkunft und Charakter sehr unterschiedlich, doch die lange abenteuerliche Reise schweisst beide freundschaftlich zusammen. Der Film hat Sentiment. Aber es ist eben auch ein Jackie Chan Film mit viel Rumms und der üblichen Kampfkomik.
[Berlinale 2010] Tag 7
Gesehen am Freitag, 19.2.2010
Father Of Invention
USA, 2009 – Regie: Trent Cooper
Kevin Spacey spielt einen Infomercial-Guru und Erfinder, der wegen einer Fehlkonstruktion eines seiner Produkte ins Gefängnis musste. Nun, nach acht Jahren Haft, will er Ehe, Ansehen und vor allem sein Imperium wieder zurück haben. Doch vor allem muss der Ex-Knacki seine von ihm als Vater enttäuschte, inzwischen 20-jährige Tochter gewinnen. Der Film ist im Stil ganz ähnlich gehalten wie der in den USA recht erfolgreichen Debütfilm “Larry the Cable Guy” von Regisseur Trent Cooper. In alle dem Berlinale-Mischmasch war das ein wirklich erfrischender, amerikanischer Independentfilm. Allerdings hatte ich bis eben auch schon wieder vergessen, dass ich diesen Film vor einigen Tagen gesehen hatte. Er hat sich also in meiner Erinnerung nicht sonderlich hervorgehoben. Etwas überstrapaziert vielleicht das Hauptmotiv der Vater-Tochter-Beziehung, aber ich mag so Familienzusammenführungsthematiken ja immer sehr gerne. Bemerkenswert das ganz coole Ensemble: Kevin Spacey, Camilla Belle, Heather Graham, Johnny Knoxville, Virginia Madsen. Hat Spass gemacht.
Mammuth
Frankreich, 2010 – Regie: Benoit Delépine, Gustave de Kervern
Gérard Depardieu in der Rolle eines Schlachthofarbeiters, der gerade in Rente gegangen ist und feststellen muss, dass einige seiner Arbeitgeber in seinem Leben, den Lohn nicht gemeldet haben. Um an seine Pension zu kommen müssen also die entsprechenden Nachweise nachgeliefert werden. Auf Druck seiner Frau besteigt der Kerl sein altes Motorrad und kehrt zurück in die Orte seiner Jugend. Auf der Fahrt trifft er ehemalige Kollegen und alte Freunde. Und ganz allmählich wird ihm klar, dass ihn damals alle für einen Idioten gehalten haben – und dass sie es auch heute noch tun. Schöner, stiller Humor, der zum einen durch Körperkomik des korpulenten Depardieus aber auch durch die Charakterzeichnung wirkt: Es ist der etwas trottelige, ungeschickte aber liebevolle Obelix, der hier versucht, sein kleines Stück Wiedergutmachung zu erlangen.
Le départ – Der Start
Belgien, 1966/67 – Regie: Jerzy Skolimowski
Und dann beginnt nach den ganzen Tagen auf der Berlinale immer irgendwann die große Sehnsucht nach Filmen, die einfach gut sind, sich bewährt haben. Und dann lohnt sich immer wieder die Retrospektive. “Le départ” ist ein schelmenhafter Film ganz im Stil der Nouvelle Vague. Ein Lehrling im Friseursalon träumt von schnellen Autos und will an einem Autorennen mitmachen. Dafür braucht er einen Porsche, doch woher nehmen? Alles dreht sich also um Geschwindigkeitsrausch, jugendlichen Leichtsinn und die unschuldige Verliebtheit in ein Mädchen. Wunderbar.
The Tales of Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen
Großbritannien, 1950/51 – Regie: Michael Powell, Emeric Pressburger
Ebenfalls noch in der Retrospektive hinterher geschoben dann diesen Opern-Kostümfilm. E.T.A Hoffmann erzählt in Etappen, berauscht vom Wein und seiner Leidenschaft für die Tänzerin Stella, die Geschichten seiner drei großen Lieben: Olympia, Giulietta, Antonia. Viel Kostüm, Bühnenzauber und Tünneff – also eher nichts für mich. Doch aber beeindruckend die opernhaften Fantasmen und Schauwerte übertragen ins Medium Film. Muss aber gestehen, bin immer wieder eingenickt während des Films.

