Archiv für Internet & Social Media
re:publica 2013 – subjektiver Kurz-Rückblick.
War natürlich wie immer total gut. Die Vorträge wie immer auch nur mal solala, aber thematische Inspiration erkennt man ja meist erst später, wenn daraus etwas fruchtet. Beispielsweise gärt bei mir der Gedanke, sich stärker mit Robotern aus kultureller Perspektive zu widmen. Vielleicht ein Roboter-Blog.
Für mich war dieses Jahr die re:publica des Im-Nachhinein-Vorträge-auf-Video-Ansehens. Wieder konnte ich mich jobbedingt nicht alle drei Tage voll auf die re:publica einlassen. Ein starker Eindruck, der mir auch nach einigen Tagen noch bleibt, und den ich auch von anderer Seite gehört habe, ist der Vergleich der re:publica mit dem Kirchentag. Da sitzt man also in großen Hallen, hört sich die Predigten von Internetauskennern an die Internetgemeinde an. In den großen Räumen verhallen die Reden, während man selber auf seinem Telefon wie in einem kleinen Gesang- oder Gebetbuch blättert und auf Twitter scannt, was die Gemeinde gleichzeitig auf den anderen Veranstaltungen erlebt. Sehr viel Frontalpredigt. Sehr viel Powerpoint. Dadurch nicht gerade sehr viel inhaltliches Engagement.
Ich hoffe ja seit Jahren darauf, dass die Vortragenden auf der re:publica einmal neue Präsentationsformen finden und ausprobieren werden, die über (mehr oder minder sehenswerten) Powerpointcharts und so minimalen Interaktionskonzepten wie Fragen aus dem Publikum am Ende des Vortrags hinaus gehen. Alles muss man selber machen. Machen.
Schön war die re:publica aber natürlich trotzdem. Michael Kreil hat hier eine Programmübersicht mit allen re:publica 2013 Videomitschnitten bereit gestellt. Da hat man bis Weihnachten zu tun.
PS: Diese Session der Ironblogger Blogs und Bier? Das lob’ ich mir! (YouTube Link) war eine der Besten, die ich auf der re:publica gesehen habe. Auch wenn ich das Thema schon kannte: Straight durchmoderierte und solide vorbereitete Gruppenveranstaltung, ansehnliche visuelle Unterstützung durch wenige Charts, frei sprechende Teilnehmer. Lebendige Publikumsinteraktion. Bier. Was will man mehr? Die Ironblogger Deutschland suchen laufend neue Verbündete.
Meine Mutter …

(in: Die ZEIT, 27.12.2012, letzte Seite)
Auf der Rückfahrt aus Weihnachten nach Berlin schrieb mir meine Mutter eine SMS, ob ich denn schon die aktuelle ZEIT gelesen hätte, die letzte Seite. Hatte ich natürlich nicht, denn ich lese Zeitungen wenn, dann nur noch fragmentiert online (ja, Zeitungssterben). Ich verneinte und fragte, worum es denn ginge. Ich solle selber lesen, antwortet sie. Link or it didn’t happen.
Als ich dann während eines Tankstellenstopps endlich diese Zeitung in der Hand hielt und die letzte Seite aufschlug, sah ich sofort, worum es ging. Sie hatte einen Leserbrief geschrieben. Es ist schon eine Sache mit der Erinnerung und der Flüchtigkeit von Dingen. Das Bild habe ich sofort erkannt. Ich wusste aber nicht, dass das da immer noch an einer Wand hängt. Ich kann mich tatsächlich auch gar nicht mehr an die äußeren Umstände erinnern, wie und wann dieses Stickbild. Welche Klasse? Welche Kinder waren noch in der Klasse? Wie hieß die Lehrerin? Nicht nur das Digitale ist flüchtig, Erinnerung ist flüchtig.
Und während gerade überall im Blogland gerufen wird, wir sollen alle wieder mehr bloggen und uns das Internet zurück erobern, denke ich, wir sollten alle wieder viel mehr Leserbriefe schreiben, um den Redaktionen der klassischen Medien zu helfen, relevant zu bleiben.
Außerdem hat sich Huck wunderbar damit beschäftigt, mit was für Fragen ich in meinem Daily Job als Interneterklärbär konfrontiert bin, was ich da so mache und denke, aber nie laut zu erzählen wagte.
<3
Neben all dem billigem Geraffel im Internet, der ganzen Dummheit allerorten, der Marktschreierei, dem Meinungsaufblasen und den peinlichstenen Selbstdarstellungen. Neben also all den dunklen Seiten der Menschheit, vergisst man ja gerne, dass das Internet auf der anderen Seite auch genauso herzlich, hilfsbereit und gefühlvoll sein kann:
I can hear music for the first time ever, what should I listen to? : AskReddit.
Ich lese gute, inspirierente, tolle, bewegende Kommentare auf reddit. Weiß jetzt nicht mehr, was ich fühlen soll. bit.ly/P1Ronq
— Sven Dietrich (@svensonsan) August 9, 2012
Danke für den Link, Sven. Hat mich endlich mal wieder in meinem Glauben an das Gute im/am Netz/Mensch bestärkt.
Irgendwas mit Medien machen.
Vor ein paar Wochen war ich zu einem kleinen Filmclub eingeladen, bei dem es darum geht, all die Filmchen aus dem Internet, die man sich für “später ansehen” irgendwo hinbookmarkt, mit einer wohl ausgesuchten, kleinen Gruppe gemeinsam anzusehen und drüber zu sprechen. Ich nahm zu dieser Gelegenheit eine Freundin mit Filmhintergrund mit, wir tranken zuvor noch ein Bier und dabei kam die Frage auf, was ich wohl jetzt arbeiten würde, wenn es das Internet nicht gäbe. Meine spontane Antwort war, ganz klar, dann wäre ich sicher Fernsehredakteur oder Producer in einer Filmproduktion, ähnlich wie mein Vater. Denn ohne das Internet würde es beim Film und beim Fernsehen sicher viele Jobs geben.
An diesen natürlich nicht ganz so eindimensionalen Themenkomplex schloss dann gleich der erste Film des Abends an: Dominik Graf spricht in einem Interview mit cine-fils.com über das Fernsehen. Dominik Graf – wer in nicht kennt – ist 20 Jahre älter als ich und hat sowohl als Regisseur als auch als Filmkritiker eine leidenschaftliche wie reflexive Sicht auf Film und Fernsehen. Und er gehört sozusagen der Generation vor meiner Generation an, die “irgendwas mit Medien” machen.
Besonders interessant finde ich ab Minute 5:25 des Interviews die Gedanken von Dominik Graf zur verkalkten Medienapparatur Fernsehen, der bestehenden Kluft zur jüngeren Generation von Medienmachern und zur Verdummung der Zuschauer. Nachdenkliche, ehrliche Worte.
Ist mir in den letzten Tagen immer mal wieder durch den Kopf gegangen. Können sich eigentlich alle mal fragen: Was würdest Du heute arbeiten, wenn es das Internet nicht gäbe?
Es war ein stürmischer Tag in meinem kleinen Blog.
Es war ein stürmischer Tag in meinem kleinen Blog. Mein letzter Artikel hat heute, an nur einem Tag, so viele Unique Visits erhalten, wie ich nicht mal im gesamten Jahr 2010 hatte. Und das nur, weil der Artikel heute morgen in einer Linksammlung auf Bildblog aufgenommen wurde. Das zieht wie Hechtsuppe. Soviel Kommentar-Feedback hatte ich noch nie zu einem Text. Eine schöne Meinungsdiversität und einige gedankliche Anregungen. Dafür Danke. Beruhigend auch, dass der Server gehalten hat. Konnte ich das auch endlich mal austesten.
Telefonisch erreichbar gewesen. Wie immer.
Tage, wie dieser, die man sich vorgestellt hat, wenn man vormals Gleichaltrige mit grauen Haaren gesehen hatte, und sich dachte, das käme sicher vom Stress in der Agentur.
Die Erkenntnis, dass der Durchbruch mit dem mobilen Internet und den Touchpads und iPhones und all dem Zeug gerade erst anfängt. Nämlich jetzt gerade an dem Punkt, an dem sich unsere Elterngeneration langsam einredet, dass sie diese schicken Geräte auch brauchen und nach wenigen Tagen Nutzung schon Thesen zu psychologischen Wahrnehmungsverschiebungen und sich verändernden Gesellschaftsdiskursen formulieren.
“I love it – it is very exciting. It’s a wonderful way of finding out about things. But I must say it’s a dreadful waste of time. I’m sure there are lots of other things I should be doing rather than playing on a computer.” (Meet the iGran: 103-year-old Lillian becomes world’s oldest Facebooker (and updates from her iPad))
“Familie.” (Von links nach rechts: kleiner Bruder, Vater, große Schwester, Mutter, Katze)
Individualisierung und Distinktion.
Autobahngedanken. Am Wochenende auf der Autobahn haben wir uns über die Anderen unterhalten. Diese Anderen, die Aufkleber vom Fusion Festival auf ihren rostigen Panda kleben. Die, die eine Sylt-Silhouette auf ihr Cabrio kleben. Oder die, mit dem “Free Tibet” Sticker, damit der getunte Golf geerdet ist. Baby on Board auf den Kombis und Pinups auf dem Kleintransporter, die Individualisierungsindustrie fängt bei Kleinigkeiten wie Autoaufklebern oder lustigen MacBook-Skins an und ihr kennt das ja aus eigener Erfahrung, wo das dann endet. Um bei dem Autobeispiel zu bleiben. Egal, wie individuell wir unser Auto variieren, wir fahren im übertragenden Sinne alle Auto und stellen das übergeordnete Konzept, überhaupt ein Auto zu besitzen, auf das man einen Aufkleber kleben könnte, dabei überhaupt nicht in Frage.
Neulich im Kurzurlaub. Im Zivilluftschutzbunker auf Helgoland bekam man einen guten Eindruck davon, wie es wohl war, zusammengedrängt mit lauter Fremden auf so engem Raum. Und dass man sich lieber nicht vorstellen will, wie die Bunkersituation mit Mitgliedern unserer heutigen Gesellschaft ablaufen wird. Individualisten und Egoisten, Diven und vom Kapitalismus geprägte Kämpfernaturen zusammengedrängt auf engstem Raum. Das wird bestimmt lustig, so oder so. Katastrophen und so was ähnliches sollen die die Menschen ja zusammen bringen und vereinen, sagt die Kerndramaturgie eines jeden Katastrophenfilms. Aber kann man sich da so sicher sein, dass das nicht in die entgegengesetzte Richtung Zombiefilm-Dramaturgie kippt? Gerechtigkeit als Überlebensstrategie.
Individualisierung und Distinktion treibt uns in die Arme von Internet und Social Media. Dort können wir “ich” sein, uns unverbindlich miteinander verbinden und uns von den anderen abheben. Damit, dass wir das Internet als unser Biotop deklarieren unterstützen wir die Individual-Gesellschaft und – oha – letztendlich den Kapitalismus. Nichts gegen Geld und Konsum, aber …

(Photo “Zombie Walk 2010″ by rodolphoreis)
Die Leu+e wollen, dass was passier+
Wir langweilen uns zu Tode. Wir nutzen seit Jahren Twitter, Facebook und Dingsr und Bumxing. Wir wissen, wie man die gängigen Tools rockt. Ein neues Meme oder unsere Selbstspiegelung jagen wir beiläufig beim Zähneputzen durch unseren Onlinebekanntenkeis. Dabei weinen wir den lebenden Toten, den Netzwerken von vormals wie Friendster, Myspace, Second Life, keine Träne hinterher. Wir sind Heuschrecken. Seit vier Jahren hat sich in der Social Media Landschaft nicht wirklich viel geändert – was die Plattformen angeht. Die Änderungen sind subtil, ständig werden Funktionen erweitert, das Design angepasst, die Plattformen ausgebaut, die Verknüpfung von Daten erweitert. Hier und da ein neues Nischennetzwerk. Aber im Kern bleibt es bei der ursprüngliche Idee des Internets: Dezentral vernetzen, Informationen teilen, freundlich sein.
Die Netzwerke, die sich in den letzten vier Jahren etabliert haben, haben sich im Kern nicht verändert. Wir sind aber Heuschrecken. Wir langweilen uns schnell und wollen weiterziehen. Die Leude wollen, dass was passiert.
Heute hat Google begonnen, sein nagelneues Social Network Google+ auch in Deutschland zu streuen. So sieht das aus:

Im Kern ist es eigentlich ein Facebook-Clone. Was aber Google+ von Facebook unterscheidet ist, dass es kein eingezäunter Garten ist, sondern dass es das Potential hat sich als relevante Schicht über das ganze Internet zu legen. Ein Social Network, das immer da ist. Was Google+ strategisch schon jetzt besser macht als Facebook ist das Hinausragen in das gesamte Internet. Google ist bereits heute das Internet. Facebook ist ein geschlossenes System, das mit seinem externen Like-Button oder Facebook Connect Anker nach Außen wirft. Google+ ist “nur” ein weiteres Interface von Google unter all den Google-Services, das dem eigentlichen Kerngeschäft dient: des Verstehens und Verknüpfens von Daten- und Informationsströmen im Internet. Könnt ihr Euch noch dran erinnern, dass Google Jahre nachdem es gut funktionierende Freemail-Anbieter gab, auf einmal GMail launchte? Das machen die ja übrigens nicht aus Spass. Das machen die, um relevante Services als Interface zu unserem Verhalten zu bauen. Jetzt hat Google begonnen ein Social Network in ihre Strategie integriert. Dein Social Graph aus dem Google-Imperium wird deine Google-Suchergebnisse mit beeinflussen. Facebook und Internetsuche? Allein schon die Suche innerhalb von Facebook funktioniert ja nur solala.
Unter uns: im Grundprinzip des Internets – Geben-und-Nehmen – ist Google besser als Facebook. Wir geben Daten, Google gibt ziemlich gute und nützlichen Services. Facebook nimmt Daten, wir bekommen kurzweiliges Entertainment, das uns schnell langweilt.
Und ausserdem, was der Popkulturjunkie sagt: WARUM GOOGLE+ ETWAS RICHTIG GROSSES WERDEN KANN:
Das alles ist noch gar nicht so spannend. Doch das, was daraus entstehen kann – das ist es, warum ich an eine große Zukunft von Google+ glaube. Ich war nie ein großer Freund von Facebook. Das abgeschottete System des Netzes im Netz hat mich immer gestört. Warum sollte ich Leuten in Facebook Messages schreiben, dort Spiele spielen, wenn ich das doch auch alles im richtigen Internet kann. Genau da sehe ich die großen Möglichkeiten, die Google+ bieten kann, wenn die Entwickler es wollen. Denn: Google hat zu fast allen wichtigen Aspekten des Netzlebens Tools und Angebote, die im Internet existieren – und nicht in einem abgeschotteten Facebook-Netz.






