Archiv für Personal

Haus am Meer.

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(Symbolbild: Haus)

Zurück in Deutschland. Zurück vom Meer. Der Urlaub ist zu Ende und auf der Autobahn von unserer letzten Übernachtungsmöglichkeit zurück nach Berlin hätten wir beinahe darüber diskutiert, ob wir nicht doch ein Haus besitzen wollten. Ein nettes Einfamilienhaus, um das man herumlaufen könne, oder zumindest eine Doppelhaushälfte. Wir hätten darüber diskutiert, wie viel Arbeit so ein Haus macht – und erst der Garten. Besitz schluckt Zeit und macht Arbeit, schafft aber auch die Illusion von Sicherheit, gar Geborgenheit. Wir hätten gemeinsam einen geeigneten Ort für das Haus finden müssen. Urban, aber auch ländlich, mit einer netten Community, aber ohne soziale Verpflichtungen, inspirierenden Nachbarn, einer guten Schule, einem Offenstall in der Nähe (für das Pferd), einem Off-Kino und drei-vier vernüftigen Kneipen und einem guten, französischem Restaurant im Kiez. Ach, und wenn schon, dann würden wir ja sowieso auch La Mer in unseren Alltag integrieren wollen. Für das Meer geht man Kompromisse ein.

Zum Glück haben wir nicht darüber diskutiert, sondern verdrängt und als Podcast dieses ARD Radio Feature über den Gaddafi-Clan in Deutschland und Österreich angehört. Eine herrlich erschreckende Räuberpistole über Geld, Macht, Politik und Öl.

Urlaubsfotos folgen eventuell später.

26. Juni 2012 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Gesellschaft | Schlagwörter: , , , | 3 Kommentare

Kein Alkohol. Die letzten 14 Tage.

Die kurze, selbst auferlegte Fastenzeit ist vorbei. Ich habe vier Wochen keinen Alkohol getrunken. Nach 14 Tagen hatte ich darüber schon einen Blogartikel geschrieben, der – für mich doch auch sehr überraschend – ziemlich viel blödsinniges und größtenteils sehr krudes Feedback auslöste (wurde drüben bei Falk Schreiber gut zusammengefasst). Die Kommentare kamen hauptsächlich von Leuten, die teilweise sehr vehement geltungsbedürftig, keinen Alkohol trinken und meine persönlichen Notizen in die unterschiedlichsten Richtungen interpretierten. Schnell wurde die Diagnose gestellt, ich sei süchtig. Und dass 14 Tage ja nun nichts seien und was ich mir denn herausnehme, mich so wichtig zu machen. Und dass ja übrigens alle Leute, die Alkohol trinken, ziemlich arme Würstchen sind.

So was ist sehr spannend! Durch so etwas kann man an eigener Haut erleben, wie das Mainstream-Internet in Deutschland so tickt. Und ich weiß, die Kommentatoren waren im Vergleich zu anderen Diskursen ja noch recht handzahm. Nun, egal. Was ich gleich als erstes loswerden möchte: Ihr nichtalkoholischen Wutbürger da draußen, ihr könnt mich nicht in Euren Reihen wähnen! Das Leben ist zu kurz, um es nicht auch durch traditionelle Kulturtechniken umfassend zu genießen. Rausch ist eine der ältesten Kulturtechniken unserer Spezies und gehört zum Leben einfach dazu. Die berechtigte Frage ist natürlich, in welchem Ausmaß?

Sucht? Kommt auf die Definition an. Körperliche Suchterscheinungen haben sich mir nicht gezeigt. Ja, 14 Tage (und jetzt vier Wochen) sind keine Zeit. Ja, es gibt Leute, die machen das regelmäßig über einen Zeitraum von sechs Monaten. Ja, gibt Leute, die ihre ganze verdammte Ernährung auf kosmische Bio-Strahlung umgestellt haben, und sagen damit überhaupt gar keine Probleme zu haben. Und ja, auch das mit der Bio-Strahlung beweist: es gibt tatsächlich viele arme Würstchen – mit und ohne Alkohol.

Das Universum ist eine wundervoll schillernde Seifenblase in der wir alle unsere Berechtigung haben und jeder machen darf, was er will. In diesem Weblog hier, dreht sich halt aber das verflixte Universum um mich. Und ich habe mal einfach nur aus so einer netten Idee heraus vier Wochen keinen Alkohol getrunken. Nicht mehr, nicht weniger.

Was hat mir nun diese kurze Enthaltsamkeit gebracht? Interessant an einigen Kommentaren war, dass sie mich noch stärker über meine Alkoholgewohnheiten nachdenken lassen haben. Dafür noch mal Danke. Super waren auch die diversen Gespräche mit Freunden und Bekannten auf Partys, an Theken, im Club, beim Mittagessen und im Chat. Auf ein, “und? Was machst du so?”, einfach mal, “och, ich trinke gerade keinen Alkohol”, antworten stellte sich mehrfach als ein geeigneter Türöffner für persönliche Gespräche heraus. Einige erzählten, dass sie schon sehr ähnliche Gedanken hatten, dass aber noch nie gemacht haben und das mein Blogeintrag dahingehend einen Nerv treffe. Oder andere erzählten einfach von ihren Phasen der Abstinenz. Wieder andere wollten sich nicht mit einer Spaßbremse abgeben. Oft drehte es sich um all die Gewohnheiten und all die Gelegenheiten, die es halt so gibt. Ich bekam persönliche Mails, die mich in der Sache bestärkten und freundschaftliche Tips gaben. Aber auf der Fährte war ich ja auch schon selber, zu überlegen, wo sich bei mir Automatismen eingespielt haben, die ich verändern möchte.

Ich halte für diesen Moment fest: Vor allem wichtig ist mir selber ein gedankenvollerer Umgang mit Alkohol. Nur weil Äpfel angeblich gesund sind, esse ich ja auch nicht immerzu Äpfel. Und nur weil Alkohol angeblich die Geselligkeit fördert und entspannt, muss ich ja nicht immer Alkohol trinken.

Mein neuestes Projekt: Nie wieder Rolltreppe und Fahrstuhl nutzen. Ich bin jetzt militanter Treppensteiger. Wer rastet, der rostet! Nein zur Rolltreppe! Hernieder mit dem Fahrstuhl!!!

Nieder mit den Rolltreppen!!!

29. Januar 2012 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Gesellschaft | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 14 Kommentare

Kein Alkohol. Die ersten 14 Tage.

Dienstag, 27.12.2011
In der Nacht nach den Weihnachtsfeiertagen entschließe ich mich, keinen Alkohol mehr zu trinken. Zumindest für eine gewisse Zeit. Drei-Vier Wochen fasten vielleicht. Oder nennen wir es besser bewusste Abstinenz. Der erste Tag läuft super. Ich erzähle niemandem von meiner Entscheidung. Als ich zum Abendessen gefragt werde, ob Bier oder Wein, sage ich einfach, dass ich heute kein Alkohol trinken möchte und mache mir eine Saftschorle.

Mittwoch, 28.12.2011
Lange Zugreise mit den Kindern von Westdeutschland zurück nach Berlin. Nach all dem Koffergeschleppe und den Reisestrapazen an sich wäre eigentlich eine Flasche Bier am Abend auf dem Sofa nicht unangebracht. Mir fällt auf, wie viele vermeintlich gute Gelegenheiten es gibt.

Donnerstag, 29.12.2011
Habe meine Entscheidung, eine zeitlang auf Alkohol zu verzichten, immer noch nicht bekannt gegeben. Aber heute habe ich mein Coming Out. Während eines Smalltalks mit der Nachbarin auf dem Treppenabsatz, während sie uns ein Pony schenkt, kommen wir auf Silvester zu sprechen und was wir so planen und machen werden. Da erzähle ich auch, das ich Silvester und überhaupt ein paar Wochen nichts trinken werde und sie sagt, dass das ja durchaus auch mal Sinn macht, man dann auch viel ausgeruhter ist, es ja auch andauernd Gelegenheiten gibt und man ja so auch mal ganz bewusst mit der Gewohnheit bricht und dass das toll sei und ich alles richtig mache. Der letze Hinweis irritiert mich. Ich sage, “ach naja, man weiss ja nie, was richtig ist”. Dann widme ich mich den Rest des Nachmittags dem Pony. Abends dann nach einer Woche Weihnachten bei der Familie endlich wieder unter normale Menschen: erst zur 0. Spackeriade, dann eventuell noch beim Chaos Communication Congress vorbei. Ich halte mich an Kaffee, Mate und alkoholfreiem Bier fest. Dem einen oder anderem erzähle ich auf Nachfrage, dass ich jetzt mal keinen Alkohol trinke. Das gibt aber deswegen kaum Diskussion. Hat da ja jeder so seinen kritisch-individuellen Hacker-Lebenstil. Kann ja jeder machen wie er will. Doch eine Sache irritiert. Jemand, den ich vom Biertrinken mit Michi kenne, prophezeit eine lange Nacht, als er mich sieht. Vermutlich ist das nett oder gar anerkennend gemeint. Hadere mit Selbstbild und Fremdbild. Es wird eine Nacht, in der ich nüchtern nach Hause fahre und mich über die quatschigen Dialoge der betrunkenen Zehelndorfkinder im Nachtbus amüsiere.

Freitag, 30.12.2011
Irgendwas mit Saftschorle. Das kann so nicht weitergehen. Ich muss mich bei Gelegenheit mal um irgendwie interessantere nichtalkoholische Getränke kümmern.

Samstag, 31.12.2011
Silvester ohne Alkohol? Klar geht das! Na gut, ein Glas Sekt um Mitternacht zum Anstoßen, man ist ja kein Unmensch. Gespräch über Alkoholabstinenz am Tisch bekommt interessanten Spin. Alle erzählen, in welchen Situationen sie trinken, dass es viel zu viele Gelegenheiten und gesellschaftliche Rituale rund um Alkohol gibt und ja auch gerade, wenn man am Theater arbeitet.

Sonntag, 1.1.2012
Neujahr. Interessant zu merken, was von einem üblichen Kater übrig bleibt, wenn man zwar nüchtern, aber übermüdet ist. Einige angenehme Nachwirkungen einer langen Nacht, die ich dem Alkohol zugeschrieben hatte, liegen eigentlich an euphorisierter Müdigkeit. Das muss ich mir merken.

Montag, 2.1.2012
Erster Arbeitstag im neuen Jahr. Das Feierabendbier fehlt mir. Eine blöde Angewohnheit, die eher ein Automatismus ist. Um stattdessen in einen Feierabendmodus zu kommen, stehe ich 5 Minuten auf dem Balkon und atme mal durch.

Dienstag, 3.1.2012
Auf dem Rückweg von der Arbeit freue ich mich, dass ich nun 14 Tage keinen Alkohol getrunken habe. Auf dem Rad bereite ich in Gedanken schon einen lustigen Blogpost dazu vor. Als ich zu Hause den Computer anschalte und in den Kalender schaue, merke ich, dass ja erst eine Woche rum ist. Bin verwundert, warum mir das so lange vorkam.

Mittwoch, 4.1.2012
Kann kein alkoholfreies Bier mehr sehen.

Donnerstag, 5.1.2012
Überlege, ob ich eigentlich besser schlafe, seitdem ich keinen Alkohol mehr trinke. Schwer zu sagen. Vielleicht bin ich ein klitzekleines bisschen weniger miesepetrig am Morgen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich einfach früher ins Bett gehe.

Freitag, 6.1.2012
Treffe einen Freund. Wir richten seinen neuen Rechner ein und trinken Tee. Es ist ein Leben auf der Überholspur.

Samstag, 7.1.2012
Es gibt zum Abendessen sehr leckeres Lammfleisch, zu dem eigentlich ein guter Rotwein perfekt wäre. Bin kurz davor, mir auch ein Glas einzuschenken, bin dann aber doch willensstark. Es ist merkwürdig: Sobald ich mich bewusst gegen den Alkohol entschieden habe, fokussieren sich mein Gedanken auf etwas anderes und das Verlangen ist weg. Reine Willens- und Kopfsache oder doch auch sanfte Sucht?

Sonntag, 8.1.2012
Michi schickt am Abend eine DM, ob Bier? Ach, ich hätte schon Lust, mit Michi ein Bier zu trinken. Das bleibt ja aber nie bei einem Bier, also gehe ich früh mit Comicbuch und Orangensaft ins Bett. Wecker klingelt versehentlich schon um 5 Uhr morgens. Lese Comic zu Ende, fühle mich sehr ausgeschlafen.

Montag, 9.1.2012
Werde am Abend – statt zum Webmontag – spontan zu einer “Weinprobe” im Martin Gropius Bau mitgenommen. Befürchte, dass eine Weinprobe ja nun der wirklich falscheste Ort ist, um Alkoholabstinenz zu üben. Denke aber auch, bei einer richtigen Weinprobe gibt es Näpfe, um den Wein auszuspucken. Wer sagt, dass ich bei meiner selbstgebauten Fastenzeit nicht kosten darf. Schmecken ja, aber nicht schlucken! Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Event um eine Finissage handelt, zu der unter anderem zwei Weine vom Großhandels-Sponsor der gefeierten Ausstellung gereicht werden. Keine Weinprobe, wie man sich das so vorstellt. Trinke ungefähr 2 Liter Apfelsaft. Beobachte Politiker und Kulturattachés beim Sponsorenweintrinken. Denke mir meinen Teil. Gehe zeitig nach Hause.

Dienstag, 10.1.2012
Nun sind also die ersten 14 Tage vergangen. Ich notiere mir hier ein paar persönliche Eindrücke, die vermutlich vollkommen banal oder normal sind. So normal, wie der (sanfte) Alkoholismus unsere gesamte Gesellschaft durchzieht. Ich glaube, es liegt weniger an den Freunden, mit denen man sich umgibt. Es ist vielschichtiger und es liegt an all den gesellschaftlichen Ritualen und letztendlich an unserer Kultur. Ich muss auch an einen Kumpel denken, der nach einem halben Jahr Indien zurückkam und auch keinen Alkohol mehr trank. Mir kam das damals fast undenkbar vor. Heute ist es für mich tatsächlich gar nicht so ein großer Verzicht. Es ist ein bewusster Perspektivwechsel und ich bin gespannt, ob da in den kommenden 14 Tagen noch weitere Erkenntnisse hinzu kommen.

11. Januar 2012 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Gesellschaft | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 106 Kommentare

Qualität und Leid des Bloggens

Qualität und Leid des Bloggens ist, dass es im Gegensatz zu Social Networks und Twitter ein sehr viel langsamer drehendes Medium ist. Das heisst für mich: mehr Erinnerungswert durch mehr Erinnerungsarbeit. Es braucht einfach mehr Zeit, zu bloggen, als hier und da mal eine paar Zeichen zu verlieren (siehe auch Loser networken, Winner bloggen). Das gilt für persönliche Blogs und noch viel mehr für Blogs, die sich mit bestimmten Themen auseinander setzen.

In den letzten Tagen habe ich mehrfach nach im Blog festgehaltenen Eckpunkten gesucht. Nachschlagen von Filmen in einer bestimmten Zeit etwa, oder was ich vor fünf Jahren eigentlich rund um meinen Geburtstag gemacht habe. Neulich war 10 Jähriges. Mithilfe des Weblogs – auch wenn es nicht konsequent täglich oder wöchentlich gepflegt ist – konnte wir zumindest einiges aus den 10 vergangenen Jahren rekonstruieren. Jobwechsel, Urlaube, Frust und Freude. Hätten wir vermutlich auch ohne Weblog hinbekommen.

Das erste, was man in der neuen Timeline von Facebook ausprobiert, ist Erinnerungsarbeit. Das neue Layout des eigenen Profils ermöglicht es, durch einen Zeitstrahl zurück in eigenen Statusupdates und protokollierte Microhandlungen zu blättern, die man sonst schon längst vergessen hätte. Nicht jeder Like oder Check-In ist erinnerungsträchtig. Oder gerade dadurch eben doch? Es kommt drauf an. Meine Memolane ist vermutlich nur für ich interessant. An unterschiedliche grafische Aufbereitungen unseres digitalen Handelns werden wir uns mehr und mehr gewöhnen. Das wird alles noch viel schlimmer. Ein Grund, das eigene Erinnern nicht alleine den Automaten und Feeds zu überlassen, sondern doch auch wieder öfter die Sache selber in die Hand zu nehmen und ein paar Zeilen zu schreiben.

Derart selbstreferenzielles Bloggedöns klingt inzwischen beinahe wie ein offline Tagebuchschreiber, der sich wehrt, ins Internet zu schreiben… Aber ach, wem erzähl ich das.

25. Oktober 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: , , , , , , | 2 Kommentare

Kaiser-Wilhelm-Platz, Berlin-Schöneberg.

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Kurz bevor ich nach Feierabend zu Hause bin, halte ich einfach mal kurz an, nur für eine halbe Stunde und beobachte den Platz. Ich sitze auf eine Bank lasse den Fluss der Leute und Autos an mir vorbei ziehen. Diese typische Kombination Hemd, Sacko, Anzughose und Lederslipper der älteren Türken, die sich zur Abendunterhaltung unterm Baum treffen, hat etwas. Überhaupt Entschleunigung. Wie dieser Platz wohl zu Kaiser Wilhelms Zeiten aussah? Waren wir damals auch schon so eilig? Ich ergoogle mir Bilder aus einer anderen Zeit des Ortes an dem ich verweile und stelle mir vor, wie es hier wohl war. Auch eine Form der Augmented Reality, denke ich:

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Ich beschließe, wieder öfter innezuhalten und mir die Plätze dieser Stadt ansehen. Wie damals, als ich viel in Peter Handkes Notizen lass. Dann zufällig noch S. von damals getroffen, er trug T-Shirt, Hoody, Jeans und Sneaker. Ach, wir älteren Männer.

25. Juli 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Berlin | Schlagwörter: , , | 3 Kommentare

State of Mimesis

Anfang letzter Woche in Frankfurt ging es bei Bier und Apfelwein ja auch um Rituale. Nichts Weltbewegendes, sondern die kleinen Alltagsrituale, die man sich angewöhnt und über die man eigentlich nicht nachdenkt. Mein Gegenüber schilderte, wie sich nach recht kurzer Zeit in der neuen Stadt bestimmte serielle Handlungen eingeschlichen haben. Wenn er jetzt die Stadt wechseln würde, würde er auch diese Rituale mitnehmen. Morgenrituale nur mal jetzt als Beispiel. Frühstücksfernsehen, Aufbackbrötchen, Badezimmer und das alles. Er sagte, er hätte da einen gewissen Ablauf reingebracht, der beruhigend sei. Und man mache das vermutlich, weil man nach den ersten Malen denkt, “och, das war okay so, das mache ich jetzt immer so. Und da man damit ganz gut fährt, keine Enttäuschungen zu erleben, schleifen sich auf derart die Dinge ein. Total einleuchtend, nichts verwunderliches.

Vom kleinen Alltagsritual zum Kult ist es ein weiter Weg. Der Gedanke, man mache etwas und wiederhole diese Serie an Handlungen, weil man sich davon eine Gewissheit im Leben verspricht, poppte in dieser Woche an allen Ecken und Enden wieder auf. So unverwunderlich war die Beobachtung meines Gegenübers also nicht. Auf einmal sah ich all die immer wiederkehrenden Momente meines Alltags in einem anderen Licht. Die immer wiederkehrenden Telefonkonferenzen und Meetings, die Serialität der Podcasts und des TV-Programms und natürlich die Konstanten des Lebens mit Kindern. Gerade mit Kindern schleichen sich schnell bestimmte “individuelle Gebrauchsanleitungen” ein, weil man am Anfang dies und das versucht, mit dies besser fährt als mit das, also macht man fortan nur noch dies. So setzt sich das dann fort, bis das Kind aus dem Haus ist und man feiert trotzdem jedes Jahr wieder Weihnachten, weil man hofft, dass dieses wahrhaftige Kinderlachen und die strahlenden Augen doch bitte auch bei einem 22-jährigen reproduzierbar sein mögen.

Interessant wird das nun alles natürlich dann, wenn man die Bedingungen und Kontexte des eigenen Handelns nicht überblicken kann. Vorgestern wurde ich in einer Kneipenrunde mit dem Cargo-Cult bekannt gemacht. Alter Hut und kennt sicher jeder Sozialwissenschaftler und es klingt so vertraut, wie ein urbaner Mythos:

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“Richard Feynman verwendete den Begriff erstmals 1974 in einer Rede vor dem Abschlussjahrgang 1974 am Caltech. Er bezeichnete damit eine Vorgehensweise im Wissenschaftsbetrieb, die zwar formale Kriterien erfüllt, der es jedoch an wissenschaftlicher Integrität mangelt:

“Auf den Samoainseln haben die Einheimischen nicht begriffen, was es mit den Flugzeugen auf sich hat, die während des Krieges landeten und ihnen alle möglichen herrlichen Dinge brachten. Und jetzt huldigen sie einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt so ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her. Auch Radartürme aus Holz haben sie und alles mögliche andere und hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genau so aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet.“
(Richard Feynman: Cargo Cult Science. Eröffnungsrede des California Institute of Technology zum Semesterbeginn 1974)

Siehe zum Cargo-Kult auch den Text “Die Flugzeuge landen nicht” , im Blog “Überschaubare Relevanz”. Oder natürlich auch die Google Bildersuche dazu schafft einen schnellen Eindruck, was da Sache ist.

Die Wissenskluft zwischen einem Naturvolk und unserer Kultur und Technologie ist ja nur der Anfang, wenn man darüber nachdenkt, welche Streiche unsere eigene Kognition uns spielt: List of cognitive biases. Die Liste ist lang. Bei all diesen Tricks, die uns unsere Psyche spielt, wundert man sich doch nicht mehr, warum so viel so merkwürdig läuft.

Zum Abschluss eine geeignete kleine Blogstöckchen-Aufgabe: Erstelle eine persönliche Top-10-Liste deiner liebsten kognitiven Verzerrungen und erzähle warum Du sie so gern hast.

Dieses ganze Gegrübel hat natürlich eigentlich nur mit der Frage nach dem Status der eigenen Mimese zu tun.

03. April 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: , , , , , , , , | 1 Kommentar

Manchmal …

… ist einem die Aussicht verbaut. Das vergangene Wochenende in sieben Instagrammen:

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Webb Young lays out two principles of idea creation before going into the Method. #

Idea Principles:

A: An idea is nothing more nor less than a new combination of old elements
B: The capacity to bring old elements into new combinations depends largely on the ability to see relationships

The Method:

1. Gather raw materials (knowledge)
2. “Work over” these raw materials in your mind
3. Incubating stage, do something unrelated to the idea but inspires (concert, movie, art, etc)
4. Birth of the idea
5. Shaping and development of the idea to practical usefulness

22. Februar 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Fotos, Links | Schlagwörter: , , | Schreibe einen Kommentar

Was kannst du so richtig gut?

Ich habe heute diese Frage auf Formspring gestellt bekommen, die ich gern hier im Blog beantworte.

Kleiner Exkurs: Formspring ist ein Social Internetdings, wo man anderen Leuten anonym oder auch halbwegs nichtanonym Fragen stellen kann und die werden dann beantwortet. Aus meiner Erfahrung sind es selten ernstgemeinte Fragen. Es ist eher ein Frage-Antwort-Spiel zur Selbstinszenierung. Ich selber bin kein großer Formspringer, weil mich meistens die Fragen langweilen, die ich gestellt bekomme. Und umgekehrt die Fragen, die ich jemandem stellen möchte, würde ich lieber unter vier Augen an einem Tresen oder während eines langen Waldspaziergang klären. Viel spannender für die Selbstbild-Fremdbild-Dissonanz durch das Internet ist threewords.me, wo Leute einer Person drei Schlagworte zuordnen dürfen. Das kann recht erkenntnisreich oder auch verleumderisch werden. Faszinierend!

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“Was kannst du so richtig gut?”, wurde ich also heute auf Formspring gefragt.

Freunde von mir sagen über mich, ich könne gut zuhören und stelle anregende Fragen. Ich könne easy auf Leute zugehen und im Grunde mit jedem ein Gespräch führen. Dabei sei ich überlegt, ehrlich, sympathisch, mit hohem Reflektionsgrad und ich würde dabei keine vorschnellen Urteile fällen.

Ich finde, dass das sehr nett von meinen Freunden ist, ich manchmal aber durchaus ungeduldig und vorurteilsbehaftet bin. Was ich aber vielleicht wirklich gut kann ist, mit etwas Geduld, guter Beobachtungsgabe und soziologischem Interesse mich auf einzelne Menschen, ihre Meinungen und ihre Weltsichten einzulassen, ohne diese minderwertig gegenüber meiner eigenen Weltsicht anzusehen. Ich kämpfe ungern um eine absolute Wahrheit. “Leben und leben lassen” ist dabei eine brauchbare Währung, statt “fressen und gefressen werden”. Mit dieser Einstellung fahre ich auch in konträren Sachzusammenhängen oder Konflikten gut. Mir fällt es leicht beide Seiten zu sehen und kontroverse Positionen nachvollziehen. Das steht mir gern im Weg, wenn ich Dinge bewegen will, macht mich aber auch zu einer Person, die gern vermittelt, extreme Meinungen relativiert, beziehungsweise an Schnittstellenpositionen meine Freude habe. Beruflich kann so etwas übrigens auch sehr anstrengend werden und sollte gut bezahlt werden.

Ansonsten kann ich auch ganz gut lange im Bett liegen bleiben und Fünfe gerade sein lassen.

17. Januar 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: , , | 3 Kommentare

Gewonnen!

Ich habe gewonnen. Das erste Mal. Bin überwältigt.

Ganz ehrlich? Ich glaube, ich habe noch nie etwas gewonnen in meinem Leben (also, außer damals in Schweden diese wunderbare, große Dönerpizza, aber das ist eine ganz andere Geschichte).

Euch vielen vielen Dank für die vielen Einreichungen. Es fiel mir wirklich nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Ich schwankte tatsächlich zwischen ein, zwei Bildern, die wirklich schön waren.
Hier das Gewinnerbild:

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Katzentcontent. Klar. Irgendwie immer Gewinner, die ollen Katzen. Das Foto ist entstanden in einem Moment, wo ich am liebsten Kopfschmerzen und ganz, ganz schlimme Krankheit im Angesicht des Winters gehabt hätte. Schmenndrick, unser Kater, hat das antizipiert. Dafür liebe ich ihn und er gehört zur Familie. Er ist der eigentliche Gewinner. <3

Es ist mir – wie vermutlich allen – wirklich sehr schwer gefallen, Fionas Fotoaufgabe zu bedienen. Denn Fiona ist eine junge, professionelle Fotografin, die weiss, wovon sie spricht. Ich persönlich bin ja immer etwas befangen im Gutfinden meiner eigenen Fotos. Das kommt vom Alter.

Danke, Fiona!

PS: Ich hab überhaupt keine Ahnung, was jetzt hier der Gewinn eigentlich war, oder so?

07. Januar 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Fotos | Schlagwörter: , , | 5 Kommentare

Samstag Spaziergang

Am Wochenende hatte ich Zeit, spazieren zu gehen. Allein. Ohne Freunde. Ohne Familie. Nur ich, mein Kopf im Leerlauf. Andere machen das beim Joggen. Ich Flaniere.

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Den Computer aus der Werkstatt abgeholt in Friedrichshain und 2,5 Stunden später war ich zum Essen in Kreuzberg verabredet. Ein perfekter Anlass, sich mal das verfallene Haus an der S-Bahn zwischen Frankfurter Allee und Treptower Park anzusehen. Im Schatten des martialischen Neubaus der BfA und ähnlich durch Gleistrassen zerschnitten wie in der Gegend, wo ich wohne, finden sich eine herrlich verschrammelte Ecke Berlins zwischen den Stadtteilen. Eine jener Ecken, für die ich Berlin liebe. Und kaum hab ich das Gedacht, wummern Bässe aus einem anderen Gebäude, richtig guter Techno nachmittags um vier auf einem Samstag. Einer wartet am Auto, Ravemädchen stolpert aus Tür.

(weiterlesen …)

23. November 2010 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Berlin, Fotos | Schlagwörter: , , | 1 Kommentar

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