Archiv für Symbole

Kein Alkohol. Die ersten 14 Tage.

Dienstag, 27.12.2011
In der Nacht nach den Weihnachtsfeiertagen entschließe ich mich, keinen Alkohol mehr zu trinken. Zumindest für eine gewisse Zeit. Drei-Vier Wochen fasten vielleicht. Oder nennen wir es besser bewusste Abstinenz. Der erste Tag läuft super. Ich erzähle niemandem von meiner Entscheidung. Als ich zum Abendessen gefragt werde, ob Bier oder Wein, sage ich einfach, dass ich heute kein Alkohol trinken möchte und mache mir eine Saftschorle.

Mittwoch, 28.12.2011
Lange Zugreise mit den Kindern von Westdeutschland zurück nach Berlin. Nach all dem Koffergeschleppe und den Reisestrapazen an sich wäre eigentlich eine Flasche Bier am Abend auf dem Sofa nicht unangebracht. Mir fällt auf, wie viele vermeintlich gute Gelegenheiten es gibt.

Donnerstag, 29.12.2011
Habe meine Entscheidung, eine zeitlang auf Alkohol zu verzichten, immer noch nicht bekannt gegeben. Aber heute habe ich mein Coming Out. Während eines Smalltalks mit der Nachbarin auf dem Treppenabsatz, während sie uns ein Pony schenkt, kommen wir auf Silvester zu sprechen und was wir so planen und machen werden. Da erzähle ich auch, das ich Silvester und überhaupt ein paar Wochen nichts trinken werde und sie sagt, dass das ja durchaus auch mal Sinn macht, man dann auch viel ausgeruhter ist, es ja auch andauernd Gelegenheiten gibt und man ja so auch mal ganz bewusst mit der Gewohnheit bricht und dass das toll sei und ich alles richtig mache. Der letze Hinweis irritiert mich. Ich sage, “ach naja, man weiss ja nie, was richtig ist”. Dann widme ich mich den Rest des Nachmittags dem Pony. Abends dann nach einer Woche Weihnachten bei der Familie endlich wieder unter normale Menschen: erst zur 0. Spackeriade, dann eventuell noch beim Chaos Communication Congress vorbei. Ich halte mich an Kaffee, Mate und alkoholfreiem Bier fest. Dem einen oder anderem erzähle ich auf Nachfrage, dass ich jetzt mal keinen Alkohol trinke. Das gibt aber deswegen kaum Diskussion. Hat da ja jeder so seinen kritisch-individuellen Hacker-Lebenstil. Kann ja jeder machen wie er will. Doch eine Sache irritiert. Jemand, den ich vom Biertrinken mit Michi kenne, prophezeit eine lange Nacht, als er mich sieht. Vermutlich ist das nett oder gar anerkennend gemeint. Hadere mit Selbstbild und Fremdbild. Es wird eine Nacht, in der ich nüchtern nach Hause fahre und mich über die quatschigen Dialoge der betrunkenen Zehelndorfkinder im Nachtbus amüsiere.

Freitag, 30.12.2011
Irgendwas mit Saftschorle. Das kann so nicht weitergehen. Ich muss mich bei Gelegenheit mal um irgendwie interessantere nichtalkoholische Getränke kümmern.

Samstag, 31.12.2011
Silvester ohne Alkohol? Klar geht das! Na gut, ein Glas Sekt um Mitternacht zum Anstoßen, man ist ja kein Unmensch. Gespräch über Alkoholabstinenz am Tisch bekommt interessanten Spin. Alle erzählen, in welchen Situationen sie trinken, dass es viel zu viele Gelegenheiten und gesellschaftliche Rituale rund um Alkohol gibt und ja auch gerade, wenn man am Theater arbeitet.

Sonntag, 1.1.2012
Neujahr. Interessant zu merken, was von einem üblichen Kater übrig bleibt, wenn man zwar nüchtern, aber übermüdet ist. Einige angenehme Nachwirkungen einer langen Nacht, die ich dem Alkohol zugeschrieben hatte, liegen eigentlich an euphorisierter Müdigkeit. Das muss ich mir merken.

Montag, 2.1.2012
Erster Arbeitstag im neuen Jahr. Das Feierabendbier fehlt mir. Eine blöde Angewohnheit, die eher ein Automatismus ist. Um stattdessen in einen Feierabendmodus zu kommen, stehe ich 5 Minuten auf dem Balkon und atme mal durch.

Dienstag, 3.1.2012
Auf dem Rückweg von der Arbeit freue ich mich, dass ich nun 14 Tage keinen Alkohol getrunken habe. Auf dem Rad bereite ich in Gedanken schon einen lustigen Blogpost dazu vor. Als ich zu Hause den Computer anschalte und in den Kalender schaue, merke ich, dass ja erst eine Woche rum ist. Bin verwundert, warum mir das so lange vorkam.

Mittwoch, 4.1.2012
Kann kein alkoholfreies Bier mehr sehen.

Donnerstag, 5.1.2012
Überlege, ob ich eigentlich besser schlafe, seitdem ich keinen Alkohol mehr trinke. Schwer zu sagen. Vielleicht bin ich ein klitzekleines bisschen weniger miesepetrig am Morgen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich einfach früher ins Bett gehe.

Freitag, 6.1.2012
Treffe einen Freund. Wir richten seinen neuen Rechner ein und trinken Tee. Es ist ein Leben auf der Überholspur.

Samstag, 7.1.2012
Es gibt zum Abendessen sehr leckeres Lammfleisch, zu dem eigentlich ein guter Rotwein perfekt wäre. Bin kurz davor, mir auch ein Glas einzuschenken, bin dann aber doch willensstark. Es ist merkwürdig: Sobald ich mich bewusst gegen den Alkohol entschieden habe, fokussieren sich mein Gedanken auf etwas anderes und das Verlangen ist weg. Reine Willens- und Kopfsache oder doch auch sanfte Sucht?

Sonntag, 8.1.2012
Michi schickt am Abend eine DM, ob Bier? Ach, ich hätte schon Lust, mit Michi ein Bier zu trinken. Das bleibt ja aber nie bei einem Bier, also gehe ich früh mit Comicbuch und Orangensaft ins Bett. Wecker klingelt versehentlich schon um 5 Uhr morgens. Lese Comic zu Ende, fühle mich sehr ausgeschlafen.

Montag, 9.1.2012
Werde am Abend – statt zum Webmontag – spontan zu einer “Weinprobe” im Martin Gropius Bau mitgenommen. Befürchte, dass eine Weinprobe ja nun der wirklich falscheste Ort ist, um Alkoholabstinenz zu üben. Denke aber auch, bei einer richtigen Weinprobe gibt es Näpfe, um den Wein auszuspucken. Wer sagt, dass ich bei meiner selbstgebauten Fastenzeit nicht kosten darf. Schmecken ja, aber nicht schlucken! Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Event um eine Finissage handelt, zu der unter anderem zwei Weine vom Großhandels-Sponsor der gefeierten Ausstellung gereicht werden. Keine Weinprobe, wie man sich das so vorstellt. Trinke ungefähr 2 Liter Apfelsaft. Beobachte Politiker und Kulturattachés beim Sponsorenweintrinken. Denke mir meinen Teil. Gehe zeitig nach Hause.

Dienstag, 10.1.2012
Nun sind also die ersten 14 Tage vergangen. Ich notiere mir hier ein paar persönliche Eindrücke, die vermutlich vollkommen banal oder normal sind. So normal, wie der (sanfte) Alkoholismus unsere gesamte Gesellschaft durchzieht. Ich glaube, es liegt weniger an den Freunden, mit denen man sich umgibt. Es ist vielschichtiger und es liegt an all den gesellschaftlichen Ritualen und letztendlich an unserer Kultur. Ich muss auch an einen Kumpel denken, der nach einem halben Jahr Indien zurückkam und auch keinen Alkohol mehr trank. Mir kam das damals fast undenkbar vor. Heute ist es für mich tatsächlich gar nicht so ein großer Verzicht. Es ist ein bewusster Perspektivwechsel und ich bin gespannt, ob da in den kommenden 14 Tagen noch weitere Erkenntnisse hinzu kommen.

11. Januar 2012 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein, Gesellschaft | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 106 Kommentare

Bis in die Unendlichkeit und noch viel weiter.

#alttext#

An der Kreuzung Eberswalder hat jemand an den Ampeln die Blindendinger mit handschriftlichen Zettelchen beklebt, auf denen “Unendlichkeit” steht. Blindheit ist der Blick in die Unendlichkeit. Und noch viel weiter. Was positiv ist.

11. April 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Berlin, Fotos, Kunst | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

Gendertrouble

#alttext#
Toiletten-Symbole (Frauen / Männer) in einem vietnamesischen Restaurant in Büronähe.

Wie lustig, haha! Muss man sich nicht groß einen Kopf drüber machen, kann man aber.

Es sind diese kleinen Momente der Irritation, auf die es lohnt, zu horchen. Ich jedenfalls wusste nicht sofort, auf welche Toilette ich gehen soll. Man kennt das ja schon länger: Unter Gastronomen scheint es einen unausgesprochenen Wettstreit um die originellsten Toilettensymbole zu geben. Angefangen bei den biederen Messingschildern “Mädchen sitzt auf Pinkeltopf” und “Junge pinkelt stehend in Pinkeltopf” bis hin zur stylischen Variation des Themas Sitzen/Stehen hat man schon einiges gesehen. Dezente Farbcodes (rot-rosa/blau-hellblau), Kreuze nach unten und Pfeile nach oben in allen Variationen oder Chromosomen (XX/XY). Und immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich eine Millisekunde zu lange überlegen muss, in welchem kulturellen Kontext der Geschlechtsdifferenzierung ich mich befinde, bzw. welche Toilettentür meine ist. Das ist nicht gut. Das passiert einem nur in der Gastronomie. Nie auf Flughäfen oder im öffentlichen Raum. Warum eigentlich? Ist die Konkurrenz unter Gastronomen so groß, dass sie zur Abhebung von Anderen bis hin zur Toilettenbeschilderung einen total crazy und kreativen Erlebnispark schaffen müssen? Ist doch Quatsch. Ich fordere deutliche Beschilderung für das WC! Bei Notausgängen wird schließlich auch keiner kreativ. Und an der Küche steht “Küche”.

Bei all dem hab ich noch gar nicht die Gender-Komponente beachtet. Da fängt so ein gemalter Witz wie oben, dann nämlich wirklich an, problematisch zu werden. Mein letztes Semiotik-Seminar und meine letzte Gender-Hausarbeit sind schon etwas her und ich bin da nicht mehr so in Übung, aber ich probier’s mal: Auch die Standard WC-Symbole sind nicht frei von Geschlechtsstereotypisierung. Mann in Hose. Frau im Rock. Symbole vereinfachen natürlich. Will man da im Sinne der Gendertheorie neutral operieren, bieten sich womöglich Wörter besser an, als Symbole (z.B. “Men” und “Women”). Aber es ist ein deutlicher Unterschied, ob ich mich in der binären Differenzierung im Kontext Toilette auf das biologische Geschlecht beziehe und tradierte Symbole nutze, oder ob ich – wie oben – eine weitere Ebene hinzuziehe, und zwar die des kulturellen Klischees von Geschlechterunterschieden. Das es einen Unterschied zwischen den biologischen Geschlechtern gibt, ist klar. Aber ein Anliegen der Gendertheorie ist ja gerade, die kulturell tradierten Unterschiede (“typisch weiblich” und “typisch männlich”) zu dekonstruieren (oder zumindest zu hinterfragen) im Sinne der Gleichberechtigung der Geschlechter. Man muss kein großer Feminist sein, um zu erkennen, dass es für beide Geschlechter diskriminierend ist, Frauen auf “Shopping” und Männer auf “Fußball” zu reduzieren.

Nicht lustig.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das Missgeschick dort oben auf dem Bild passiert ist. Die Idee, statt den Messingschildern von Mädchen und Junge, eine Vietnamesin und einen Vietnamesen zu nehmen, leuchtet für ein vietnamesisches Restaurant durchaus ein. Nur ist der Unterschied beider Figuren nicht signifikant genug. Meiner Meinung nach liegt das an dem Hut in Form eines Dreiecks, denn gern werden auch Dreiecke (Spitze nach oben für “Frau”, Spitze nach unten für “Mann”) als Toilettensymbole benutzt. Zwei Dreiecke nach oben sorgen da natürlich für Verwirrung. Naja, und die Handtasche beim Weibchen und das andere da in Gürtelgegend bei dem Männchen sind Details, die man auf dem Weg zur Toilette eben nicht so genau studiert.

Um nun den Fehler in der Ikonographie auszubessern wurde sich für eine Ergänzung der Symbole entschlossen. Die beiden Figuren sollten zum Zweck der Differenzierung über ihre Gedanken ein Geschlecht zugewiesen bekommen. Dabei hat man einen weiteren Fehler begangen. Nämlich den, der vergleichbar ist mit einem Medienwechsel. Man verlässt die Ebene des Symbols (Darstellung) hin zur Ebene der Metapher (Interpretation). Ich muss jetzt also auf dem dringenden Weg zur Toilette bei scheinbar gleicher Ikonographie der Symbole eine Abstraktionsleistung vollziehen, um “Shopping” und “Fußball” in meinem Kontext (“verdammt, welche Toilettentür?”) korrekt zu interpretieren.

Ich meine, käme jemand auf den Gedanken, an Wasserhähnen den blauen Punkt und den roten Punkt durch einen Schneemann und einen Feuerwehrmann zu ersetzten (die dann womöglich auch noch in Blasen “nordisch” und “südländisch” denken), wäre die Verwirrung eigentlich nicht geringer, oder?

Was lernen wir also daraus: Symbolsprache ist schwierige Sprache. Überall lauert das Gespenst der Diskriminierung. Und Unisextoiletten tun keinem weh. Offen bleibt: Warum haben die Figürchen eigentlich keine Schlitzaugen? Auch nicht lustig.

Update: @derherrschulze gibt im Kommentar des Rätsels Lösung. Popkultureller Kontext!

18. Januar 2011 von Tillmann Allmer
Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: , , , , , , | 5 Kommentare