Film: A Serious Man

::: gesehen am 21.1.2010 OmU im Odeon

USA 2009 – Regie: Joel Coen, Ethan Coen – mit: Aaron Wolf, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Jessica McManus, Adam Arkin, Peter Breitmayer, Brent Braunschweig, David Kang, George Wyner, Fyvush Finkel, Michael Tezla

Den neuen Film der Coen Brüder habe ich gerade eben sehr genossen. Das war bei den letzten Coen-Filmen alles nicht mehr ganz so meins. Aber eben das, das war schön. Vielleicht lag es auch an den Umständen: Spontan und vor allem alleine ins Kino gehen, in die OV-Spätvorstellung, das hab ich lange nicht mehr gemacht. Früher, ja damals, als man noch … Aber heute? Nein! Neinnein, keine Zeit.

In all dem Keine-Zeit-Haben sieht man sich dann dabei zu, wie man durch die Jahre hetzt. Man findet einen Beruf, findet eine Frau, bekommt Kinder, kauft ein Auto, ein Haus am Stadtrand auf Kredit, schließlich steht die Verbeamtung kurz bevor. Doch in all dem Machen macht man eigentlich gar nichts. Und plötzlich geraten die gewohnten Koordinaten ins wanken. Das Leben wendet sich gegen einen, an jeder Ecke lauert das Pech. Dabei hat man doch gar nichts gemacht.

Es ist ein ruhiger Coen-Film, nicht so mainstreamig, eine wenig aufgejazzte Tragikkomödie, die sich wieder stärker auf den feinsinnigen, jüdischen Humor der Coen-Brüder verlässt. Der Film ist explizit jüdisch, darin gut durchdacht, erzählt ein im Kern beliebtes Grundmotiv: Ein typischer Loser wird mit dem Zusammenbruch seiner kleinbürgerlichen Welt konfrontiert. Damit ist die Hauptfigur ein Klassiker des jüdischen Humors. Der akademische Familienvater Larry, der plötzlich vom Unglück verfolgt wird, ist der Schlemihl, der Pechvogel, auf dessen Nase alle in der jüdischen Gemeinde herumtanzen.

Ja, und an manchen Stellen bekommt man den Eindruck, die Coens spielen Woody Allen. Nicht so intellektuell überstilisiert und durchtränkt psychoanalytisch, wie gern bei Allen – das erledigen Larry’s Besuche bei unterschiedlichen Rabbis – doch in all den Nuancen des Selbstzweifels eines devoten Pechvogels kommt das meinen ersten Begegnungen mit Woody Allen sehr nah. Dabei bleiben die Figuren aber gewohnt lumpig und das US-amerikanische Setting gewohnt postmodern-reflexiv – ich sag mal coenesque.

Als ich ins Kino kam hörte ich noch Gesprächsfetzen von Besuchern der gerade beendeten Vorstellung, es „sei eben nicht autobiographisch, aber eben autobiographisch inspiriert“. Und auch war dabei mein Lieblings-Evergreen, „also, aber diese Sache mit dem Liebhaber seiner Frau, der ihn dann so liebevoll umarmt, das ist doch total unrealistisch“. Das alles erinnerte mich gleich positiv an die große Kinozeit, damals im Zivildienst, als man noch ins Kino ging, um zu vergessen. Wo auch der Weg zum Filmclub des Jugendzentrums Hellersdorf für eine Woody-Allen-Retrospektive nicht zu entfernt war. Aber wahrscheinlich hat Woody Allen auch nur sehr erfolgreich alle Formen des jüdischen Humors ausgeschlachtet, sodass jeder alte jüdische Witz mich heute zwangsläufig an Woody Allen erinnern muss.

Das hat alles nichts mit mir zu tun. Und doch fällt es leichter, sich mit so einer Figur zu identifizieren, als immer den Blick so bemüht zum Positiven zu richten.

When the truth is found to be lies, and all the joy within you dies, what then? ♫ http://blip.fm/~jisqo

Autor: @tristessedeluxe

Hi, ich bin Tillmann Allmer, Digitalstratege aus Berlin. In diesem persönlichen Weblog notiere ich Alltagsbeobachtungen und was mich in der Welt interessiert. Erfahre mehr über dieses Blog. Für Updates folge mir auf Twitter, Instagram und Refind. Oder abonniere Pro2koll.de auf Facebook.

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