Telekommunikation.

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Ich war Kind in einer Zeit, da hat eine Telefoneinheit acht Minuten gedauert und 20 Pfennig gekostet. Wenn wir als 4-köpfige Familie mal über 120,- Mark im Monat vertelefoniert hatten (inklusive Homeoffice und Vereinsengagement meiner Eltern), dann wurde der Familienrat einberufen und gemeinsam unser Telefonverhalten analysiert. Wir hatten zu Hause ein orangenes Telefon mit Wählscheibe und einem 10 Meter langem Kabel. Wenn man geschickt war und die Kordel des Telefonhörers voll ausdehnte, reichte das Telefon bis auf die Terrasse. Im Freien telefonieren – ein Telefonerlebnis, das Walter Benjamin in seiner Kindheit am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts noch nicht kannte. In der Kurzgeschichte „Das Telefon“ beschreibt Walter Benjamin („Berliner Kindheit um neunzehnhundert“, Frankfurt am Main 1987, S.18-19) wie er als Junge das neue, faszinierende Medium in seinen Alltag integrierte, während seine Eltern den Apparat noch an der Wand in einer dunklen Ecke im Korridor der Wohnung verbannt hatten. Benjamin beschreibt in seinem Text eine Magie, die von der Stimme aus dem Telefon ausging. Heute ist für uns diese Stimme eines Abwesenden längst zur selbstverständlichen Kulturtechnik geworden. Für alle?

Ich finde es sehr spannend, wie Kinder sich ihren eigenen Reim auf ihre Umgebung machen, Sprache lernen und Verhaltensregeln adaptieren. Wir bringen gerade unserer 2-jährigen Tochter das Telefonieren bei. Sie lernt das Telefon, wie sie Autos, Fahrrad, den Computer, YouTube-Filme auf dem Handy und den Staubsauger lernt – durch Nachahmung und Ausprobieren. Das Festnetztelefon und unsere Handys gehört in ihren Alltag, genau wie Elefanten, Bagger und Seifenblasen und ihr kleiner Bruder. Ein Telefonat mit meiner Tochter ist meist sehr kurz. Sie erzählt mit knappen Wörtern, was sie erlebt hat oder was sie gerade in dem Moment im Raum sieht. Dazwischen erlaubt sie sich ungehörig lange Denkpausen. Wenn man sie nicht versteht, wiederholt sie einfach das Wort wieder und wieder. Wenn man dann immer noch nicht versteht, beendet sie das Telefonat mit einem bestimmenden „Tschühüß“, was ich gelegentlich als äußerst unhöflich empfinde. Ich bin gespannt, was für Umgangsformen wir gemeinsam im Internet entwickeln werden.

Was für Kinder selbstverständlich ist – das Lernen von Umgangsformen in unserer Gesellschaft mit und ohne Medien – ist auch für Erwachsene immer von Neuem ein Unterfangen, wenn sich der Kontext der Nutzung und des Verhaltens ändert. Es gibt keine feststehenden Regeln, sondern sich ändernde, variable Umgangsformen mit Medien. Ich glaube, das ist unter anderem das, was mich besonders am Internet und an all dem Sozial-Medialem interessiert: die soziokulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen, mit denen wir uns „diese neuen Medien“ aneignen. Es sind die fließenden Grenzen, die wir täglich austesten und diskutieren. Ich mag es, wenn ich über Twitter an der falsch gesetzten Anzahl meiner Ausrufezeichen und Einsen von Mittzwanzigern als unauthentisch eingestuft werde. Ich mag es nicht, wenn ich von etwa Gleichaltrigen Korrekturen meiner Tippfehler in einer vom Handy gesendeten Statusmeldung auf Facebook als Kommentare erhalte. Das sind feine Unterschiede.

Ist die Anordnung eines Dinnertables vergleichbar mit unserem  Telekommunikationsverhalten? #101eE

Ist die Anordnung eines Dinnertables mit unserem Telekommunkationsverhalten vergleichbar? Gestern Abend hatte die Deutsche Telekom AG mich mit einigen anderen Bloggern und Journalisten zu einem „Höflichkeits 2.0 Dinner“ eingeladen, um die eEtiquette zu launchen. Dabei handelt es sich um ein lockeres Regelwerk mit 101 Empfehlungen für den digitalen Lifestyle, das im Creation Center (einem bunt designtem „Kinderladen“ zur Markt- und Produktforschung) der Deutschen Telekom Laboratories entwickelt wurde. Im Projekt wurde mit Kindern, internationalen Design-Studenten und Fachexperten sich die Frage nach Verhaltensmaßsteben einer neuen, digitalen Höflichkeit gestellt und beantwortet. Das Design des Projektes ist ausgehend von einer der Empfehlungen, Stelle nur Bilder ins Netz, die Deine Mutter freigeben würde im Stil gestickter Sinnsprüche gehalten, wie man sie aus Omas Küche kennt. Schaut mal drüber, und bereichert das Projekt mit weiteren Does & Don’ts, wenn Euch welche einfallen. Ganz hübsch gelungen, finde ich.

Autor: Tillmann Allmer

Hi, ich bin Tillmann, Digitalstratege und Papa aus Berlin. In diesem persönlichen Weblog protokolliere ich Alltägliches und was mich in der Onlinewelt interessiert und bewegt. Für Kurzupdates folge mir auf Twitter: @tristessedeluxe folgen

13 Kommentare

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  2. da erkenne ich einiges wieder. mein sohn (3) hat aehnliches telefonieverhalten. witzig auch, er denkt ich koenne ihn oder seine umgebung beim telefonieren sehen.

  3. da erkenne ich einiges wieder. mein sohn (3) hat aehnliches telefonieverhalten. witzig auch, er denkt ich koenne ihn oder seine umgebung beim telefonieren sehen.

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